Die Jugendämter in Thüringen sind im vergangenen Jahr so häufig wie nie zuvor wegen möglicher Kindeswohlgefährdungen eingeschaltet worden. Wie das Landesamt für Statistik mitteilte, prüften die Behörden 5.122 Verdachtsfälle – ein Anstieg um 168 Fälle im Vergleich zum Vorjahr und der höchste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2012.
Akute Gefahr in jedem dritten Fall
In etwa einem Drittel der Fälle sahen die Fachleute das Wohl der Kinder tatsächlich gefährdet. Konkret wurden 671 Fälle als akute Kindeswohlgefährdung eingestuft, bei denen eine unmittelbare Gefahr für das leibliche, geistige oder seelische Wohl eines Kindes oder Jugendlichen bestand. In solchen Situationen können die Jugendämter die Kinder unter bestimmten Auflagen in Obhut nehmen. Bei den übrigen zwei Dritteln der Verdachtsfälle stellten die Experten keine Gefährdung fest, erkannten jedoch in mehr als der Hälfte (58,7 Prozent) einen Hilfe- oder Unterstützungsbedarf bei den Eltern oder anderen Erziehungsberechtigten.
Vernachlässigung und psychische Misshandlung dominieren
Die häufigste Form der Kindeswohlgefährdung war mit 68,6 Prozent die Vernachlässigung: Kinder wurden nicht ausreichend mit Nahrung, Getränken oder medizinischer Versorgung bedacht. In 33,1 Prozent der Fälle gab es Hinweise auf psychische Misshandlung, etwa Isolation von Gleichaltrigen, Erniedrigung oder Verweigerung von Nähe und Zuneigung. Körperliche Misshandlung wurde in 23,2 Prozent der Fälle festgestellt, sexuelle Gewalt in 4,5 Prozent.
Eltern als Hauptverantwortliche
In der überwältigenden Mehrheit der Fälle – 79,2 Prozent – gingen die Gefährdungen von den leiblichen Eltern aus. Stiefeltern oder neue Partner eines Elternteils waren in 5,8 Prozent der Fälle betroffen. Vereinzelt wurden auch Kinder in Einrichtungen als gefährdet eingestuft. Die Hinweise auf mögliche Gefährdungen kamen am häufigsten von den betroffenen Kindern und Jugendlichen selbst, aber auch von der Polizei, Gerichten, Staatsanwaltschaften, anonymen Meldern und Schulen.



