Trinkpausen: Eine Revolution des Fußballspiels
Harald Martenstein, 72, Kolumnist der BILD, widmet sich in seiner täglichen Kolumne einem Phänomen, das den Fußball grundlegend verändert hat: der offiziellen Trinkpause. Erstmals eingeführt am 29. Juni 2014 beim WM-Achtelfinale zwischen den Niederlanden und Mexiko, wurde sie damals aufgrund der extremen Hitze in Brasilien notwendig. Ein Arbeitsgericht hatte verfügt, dass bei Temperaturen ab 32 Grad eine solche Pause eingelegt werden muss. Heute jedoch wird die Trinkpause bei nahezu jedem Spiel um die 22. Minute herum durchgeführt – unabhängig von der Temperatur. Der Grund: Werbekunden, die zusätzliche Werbezeit erhalten.
Vier Viertel statt zwei Halbzeiten
Die alte Regel „Ein Spiel hat zwei Halbzeiten und dauert 90 Minuten“ gilt nicht mehr. Stattdessen gibt es nun vier Viertel, unterbrochen von einer Trinkpause. Diese Neuerung hat weitreichende Folgen: Mannschaften, die im ersten oder dritten Viertel schwach spielen, profitieren fast immer von der Unterbrechung. Sie kommen gestärkt zurück. Der Grund liegt auf der Hand: Der Trainer hat Gelegenheit, Fehler anzusprechen und taktische Korrekturen vorzunehmen. Wer in Minute 20 so richtig in Fahrt kommt und das berühmte „Momentum“ besitzt, also Rückenwind, war früher der King. Heute ist er Besitzer der weltweit gefürchteten „Arschkarte“ – denn die Trinkpause unterbricht seinen Lauf.
Ein neuer Rhythmus für den Fußball
Fußball ist leider ein neues Spiel geworden, mit einem anderen Rhythmus. Martenstein zieht einen Vergleich zum Journalismus: „Früher gab es auch bei jeder Temperatur ständig Trinkpausen. Aber Wasser wurde da nicht getrunken.“ Nach der dritten Trinkpause hätten Journalisten voll auf Angriff gespielt, nach der fünften sei man milde und verständnisvoll geworden, und nach der achten Trinkpause seien alle irgendwie melancholisch gewesen. „Vielleicht führen die Landesmedienanstalten deshalb bald auch wieder Dich, Trinkpause, im Journalismus ein. Acht am Tag, damit wir immer lieb sind, ganz easy und schläfrig“, schreibt Martenstein ironisch.
Auswirkungen auf die Spielstruktur
Die Einführung der Trinkpause hat nicht nur den Spielfluss verändert, sondern auch die Taktik. Trainer nutzen die Pause gezielt, um Anweisungen zu geben und die Mannschaft neu zu motivieren. Dies führt dazu, dass Spiele weniger von individuellen Momenten geprägt sind, sondern stärker von taktischen Anpassungen. Die Statistik zeigt: Seit 2014 haben Spiele mit Trinkpausen eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine zweite Halbzeit, die sich vom ersten Teil unterscheidet. Ob dies den Fußball besser oder schlechter macht, bleibt Ansichtssache. Martenstein jedenfalls bedauert die Entwicklung: „Man sieht sich, Dein Harald Martenstein.“



