Alltag in Berlin: Obdachlose als Nachbarn
Täglich begegnet Dieter Puhl auf seinen Wegen durch Berlin obdachlosen Menschen. Gelegentlich leben sie sogar direkt vor seiner Haustür in Charlottenburg. „Wir sind, wenn man so will, Nachbarn“, schreibt der Kolumnist, der mehr als 30 Jahre in der Wohnungslosenhilfe gearbeitet hat. Und wenn er den Statistiken und Prognosen glaubt, werden es in den kommenden Jahren eher mehr als weniger Menschen sein, die auf der Straße leben.
Grüße und kleine Gesten der Hilfe
Puhl grüßt die Obdachlosen, manchmal reden sie miteinander. Gelegentlich kann er helfen – mit etwas Geld, einem belegten Brötchen, einer Flasche Wasser, einem Pullover oder einer Jacke. „Aufmerksamkeit und Respekt sind oft genauso wichtig wie materielle Hilfe“, betont er. Mit manchen lacht er, teilt für einen kurzen Moment ein Stück Alltag. Oft aber macht ihn der Anblick traurig. „Zu sehen, wie Menschen auf der Straße altern, krank werden oder ihre Würde verlieren, berührt mich jedes Mal. So sollte niemand leben müssen. Das darf in einer reichen Stadt wie Berlin nicht normal werden.“
Die schwierige Entscheidung: Rettungsdienst rufen oder nicht?
Im Winter fällt Puhl das Helfen leichter als im Sommer. Liegt bei minus zehn Grad ein Mensch regungslos auf dem Gehweg, womöglich unzureichend bekleidet und kaum ansprechbar, ist die Entscheidung einfach. „Man macht bei solchen Temperaturen keinen Mittagsschlaf im Freien. Menschen können schon bei niedrigen Plusgraden an Unterkühlung sterben.“ Er spricht den Menschen an. Reagiert er kaum oder gar nicht, ruft er die Feuerwehr. „Die ist darüber nicht immer begeistert, aber ich sehe das pragmatisch: Genau dafür ist sie da. Immer wieder werden auf diese Weise in Berlin Menschenleben gerettet.“
Alkohol und Drogen erschweren die Einschätzung
Alkohol und andere Drogen machen die Einschätzung deutlich schwieriger. Viele obdachlose Menschen konsumieren Alkohol. Längst nicht alle, aber nach aktuellen Erhebungen trinken zwischen 60 und 80 Prozent regelmäßig, rund die Hälfte ist alkoholabhängig. Hinzu kommen häufig weitere Substanzen wie Cannabis, Kokain oder Amphetamine. Dann wird die Frage noch komplizierter: Rausch oder medizinischer Notfall?
Praktische Tipps für den Sommer
Puhl rät: „Schauen Sie genau hin. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit. Liegt der Mensch im Schatten oder in der prallen Sonne? Es muss nicht immer ein Herzinfarkt sein. Wer stundenlang alkoholisiert in der Sonne liegt, kann schwerste Verbrennungen oder einen lebensgefährlichen Hitzschlag erleiden. Im Sommer gehören deshalb zwei kleine Flaschen Wasser in jede Tasche – eine für Sie selbst, eine für jemanden, der sie dringend braucht.“
Lieber einmal zu viel helfen
Wenn Ihnen die Situation nicht geheuer vorkommt, rufen Sie den Rettungsdienst. Vertrauen Sie Ihrem gesunden Menschenverstand. „Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig“, sagt Puhl. „Wären wir eine halbe Stunde später gerufen worden, hätten wir nichts mehr tun können.“ Diesen Satz habe er von Rettungskräften oft gehört. „Gut, wenn es diesmal anders ausgegangen ist.“
Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit
„Dann sollen sie eben weniger oder gar nicht trinken“, werden jetzt manche denken. Oder: „Die sind doch selbst schuld.“ Ach, wenn das Leben doch so einfach wäre. Alkoholabhängigkeit ist keine Charakterschwäche, sondern eine Krankheit. Sie hat Ursachen. Sie kann behandelt werden – aber auf der Straße ist selbst der erste Schritt zurück ins Leben ungleich schwerer.
Fazit: Hinschauen statt vorbeigehen
Vielleicht ist das alles, was wir tun können: hinschauen statt vorbeigehen. Fragen statt urteilen. Und im Zweifel Hilfe holen. Nicht jeder Mensch, der auf dem Bürgersteig liegt, braucht einen Rettungswagen. Aber jeder Mensch verdient es, dass wenigstens jemand kurz stehenbleibt und sich diese Frage stellt.



