Vorfall in Warnemünde: Paar sieht bei Suizid weg
In Warnemünde hat sich kürzlich eine Frau das Leben genommen, während ein Paar offenbar nicht eingriff. Der Fall wirft die Frage auf: Warum verhalten sich Menschen in Notsituationen mal sozial, mal egoistisch? Die Neurowissenschaftlerin Grit Hein von der Universität Würzburg forscht seit Jahren zu diesem Thema. In einem Interview mit dem SPIEGEL erläutert sie die Hintergründe.
Die Rolle von Empathie und Gruppenzugehörigkeit
Hein erklärt, dass Empathie ein entscheidender Faktor für Hilfeverhalten sei. „Empathie ist die Fähigkeit, die Emotionen anderer zu teilen und zu verstehen“, so die Wissenschaftlerin. Allerdings könne Empathie durch verschiedene Faktoren blockiert werden, etwa durch Stress oder die Wahrnehmung, dass die Person einer anderen Gruppe angehört. Studien zeigten, dass Menschen eher helfen, wenn sie den Betroffenen als ähnlich oder zur eigenen Gruppe gehörig empfinden.
Der Bystander-Effekt: Je mehr Zeugen, desto geringer die Hilfe
Ein weiteres Phänomen sei der sogenannte Bystander-Effekt. „Je mehr Menschen anwesend sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hilft“, so Hein. Dies liege daran, dass die Verantwortung auf viele Schultern verteilt werde. In Warnemünde waren vermutlich nur wenige Personen anwesend, dennoch griff das Paar nicht ein. Hein betont, dass dies nicht zwangsläufig auf Böswilligkeit zurückzuführen sei, sondern auf eine Lähmung durch die unerwartete Situation.
Training für Zivilcourage: Kann man Helfen lernen?
Auf die Frage, ob Hilfeverhalten trainierbar sei, antwortet Hein: „Ja, durch gezielte Übungen kann man die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Menschen in Notsituationen eingreifen.“ Programme zur Zivilcourage, wie sie etwa von der Polizei angeboten werden, könnten helfen, Hemmschwellen abzubauen. „Es geht darum, Routinen zu entwickeln, sodass man im Ernstfall nicht lange nachdenkt, sondern handelt.“
Gesellschaftliche Verantwortung: „Jeder kann helfen“
Hein appelliert an die Gesellschaft: „Wer eingreift, schützt andere mit, zum Beispiel Angehörige.“ Es sei wichtig, dass Menschen sich ihrer Verantwortung bewusst würden. Sie rät, in Notsituationen konkret Hilfe zu leisten, etwa indem man den Notruf wählt oder direkt anspricht, was man tun kann. „Oft reicht schon ein kleiner Schritt, um eine Katastrophe zu verhindern.“
Forschung zu prosozialem Verhalten
Die Neurowissenschaftlerin forscht seit Jahren mit bildgebenden Verfahren, um die neuronalen Grundlagen von Hilfeverhalten zu verstehen. Ihre Studien zeigen, dass das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert wird, wenn wir anderen helfen. „Das Helfen fühlt sich gut an – wenn wir es tun“, so Hein. Doch viele Faktoren können dieses System überlagern, etwa Angst oder das Gefühl der Ohnmacht. Die Forschung könne dazu beitragen, bessere Strategien zu entwickeln, um prosoziales Verhalten zu fördern.



