Warum zur WM so wenige Deutschlandflaggen wehen? Ein Essay
WM 2026: Warum kaum Deutschlandflaggen zu sehen sind

Schwarz-Rot-Ungeil: Warum wehen so wenige Deutschlandflaggen zur WM?

Trotz Weltmeisterschaft sind kaum Nationalfarben in der Öffentlichkeit zu sehen. Wer eine Flagge schwenkt, dürfte sich mehr denn je fragen, wessen Deutschland er damit eigentlich bejubelt. Ein Essay von Hannes Soltau.

Stell dir vor, es ist WM und keiner macht mit. Eine Woche nach Start des Turniers in den USA, Kanada und Mexiko sind noch immer auffällig wenige deutsche Flaggen im Berliner Stadtbild zu sehen. Blanke Balkonbrüstungen, Rückspiegel und Vorgärten zeugen von einer gebremsten schwarz-rot-goldenen Euphorie. Das kann an den schlaffeindlichen Anstoßzeiten liegen, vielleicht auch an der wachsenden Skepsis der Fans gegenüber dem Weltfußballverband FIFA oder an den niedrigen Erwartungen an das deutsche Team nach einem wiederholten Scheitern in der Vorrunde.

Doch der Mangel an Fahnen hat auch eine tiefere Bedeutung. In Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung ist das Hissen der Nationalflagge längst nicht mehr selbstverständlich. Viele Deutsche tun sich schwer mit dem Bekenntnis zu ihrem Land, aus Angst, missverstanden zu werden. Die Flagge, einst Symbol der Wiedervereinigung und des demokratischen Aufbruchs, ist heute oft mit rechten Tönen konnotiert.

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Wer dennoch eine Fahne hisst, stellt sich die Frage: Feiere ich das Deutschland der Vielfalt, der offenen Gesellschaft? Oder das Deutschland der Abschottung und des Nationalismus? Diese Unsicherheit lähmt die öffentliche Zurschaustellung von Patriotismus. Dabei könnte die WM eine Chance sein, die Flagge neu zu besetzen – als Zeichen für Toleranz und Weltoffenheit. Doch bisher bleibt diese Chance ungenutzt.

Die Zurückhaltung zeigt auch die veränderte Rolle des Fußballs. Früher war die Nationalmannschaft ein identitätsstiftendes Element, heute ist sie nur noch ein Teil einer globalisierten Unterhaltungsindustrie. Die Skandale um die FIFA, die Kommerzialisierung des Sports und die schwachen Leistungen des DFB-Teams tragen zur Ernüchterung bei. Hinzu kommt, dass viele junge Menschen sich nicht mehr mit dem Konzept der Nation identifizieren.

Vielleicht ist die Fahnenflut aber auch einfach eine Frage der Gewohnheit. In Ländern wie den USA oder Brasilien gehört das Flaggenhissen zur Alltagskultur, in Deutschland ist es eher eine Ausnahme. Die WM 2026 könnte diesen Trend umkehren, wenn die Mannschaft überraschend weit kommt. Doch bis dahin bleibt die schwarz-rot-goldene Flagge eher ein stiller Begleiter als ein lauter Jubelruf.

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