ADHS bei Kindern: Drei Symptome und Hilfe für betroffene Eltern
ADHS bei Kindern: Symptome und Hilfe für Eltern

In Deutschland sind rund fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen von der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betroffen. Die neurologische Entwicklungsstörung manifestiert sich bereits in den ersten Lebensjahren und fällt meist im Einschulungsalter auf. Zwei Experten erklären, woran Eltern die Störung erkennen und welche Schritte sie unternehmen sollten.

Die drei Hauptsymptome von ADHS

Wie Professor Dr. Tobias Renner, ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter des Universitätsklinikums Tübingen, erläutert, trägt ADHS die Symptome bereits im Namen: Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität und Impulsivität. „Die Aufmerksamkeit der Betroffenen ist klassischerweise eingeschränkt, es besteht eine deutliche Erhöhung der motorischen Unruhe und der Impulsivität“, so Renner. Die meisten Eltern berichteten schon im Kleinkindalter von ungewöhnlicher Unruhe und ständig wechselnden Beschäftigungen. Spiele könnten nicht durchgehalten werden, Wartezeiten wie der Stuhlkreis im Kindergarten würden nicht eingehalten und Betroffene platzten ungefragt mit Antworten heraus.

Dr. Kirsten Stollhoff, Hamburger Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Neuropädiatrie und Sozialpsychiatrie, ergänzt: „Kinder mit ADHS haben ganz große Schwierigkeiten, weil sie permanent andere Ideen haben. Die Mutter muss immer danebenstehen und jeden Handlungsschritt kontrollieren.“ Eine ausgeprägte Hyperaktivität sei dabei am auffälligsten. Doch nicht immer ist ADHS mit dem klassischen „Zappelphilipp“ gleichzusetzen.

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Geschlechterunterschiede bei ADHS

Die Statistik zur Geschlechterverteilung überrascht: „Ausgehend von den Erhebungen für das Vollbild ADHS, bei dem alle drei Symptomebenen betroffen sind, haben wir die Annahme, dass vier Jungs auf ein betroffenes Mädchen kommen“, sagt Professor Renner. Allerdings gebe es auch die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung ohne Hyperaktivität (ADS), die bei Mädchen deutlich häufiger vorkomme. ADHS werde bei Mädchen oft unauffälliger und daher tendenziell weniger oder verspätet diagnostiziert. „Jungs mit ADHS treten durchaus auch aggressiv auf und halten sich nicht an Regeln, bei Mädchen ist dieses Verhalten reduziert“, so Renner.

Dr. Stollhoff weist darauf hin, dass Mädchen mit ADHS zwei bis drei Jahre später diagnostiziert werden als Jungen. „Gerade Mädchen kämpfen sich mit viel Anstrengung durch die Schule. Sie fallen erst einmal nicht auf, können sich jedoch kaum auf eine Sache fokussieren, nur schwer zuhören und das Gesagte oft gar nicht speichern. Sie werden den Leistungsansprüchen nicht gerecht.“

Diagnose und Behandlung von ADHS

Die Diagnose wird üblicherweise mit dem beginnenden Schulalter gestellt, so Renner. Es handle sich um eine klinische Diagnose, bei der mit Kindern, Eltern und nahem Umfeld gesprochen wird. Anschließend werden psychologische Testverfahren durchgeführt. Es gibt keine Biomarker wie Blutwerte, die eine ADHS-Diagnose rechtfertigen.

„In Deutschland ist die erste Behandlungsmaßnahme die Psychoedukation“, erklärt Renner. Es gehe darum, aufzuklären und ein Verständnis für die Störung zu entwickeln. Dazu gehörten psychotherapeutische Maßnahmen sowie Medikation, wenn psychoedukative und therapeutische Maßnahmen allein keine ausreichende Verbesserung bewirken. „In ganz schweren Fällen kann die Medikation auch am Anfang der Behandlung stehen, wenn Kinder einer Psychotherapie aufgrund ihrer Beschwerden überhaupt nicht folgen können.“ In englischsprachigen Ländern sei die Medikation häufig die erste Therapie.

Dr. Stollhoff empfiehlt Eltern, regionale Angebote wie Selbsthilfegruppen und Ergotherapeuten zu nutzen. „Die Erziehung ist eine enorme Herausforderung für die Eltern. Und es sieht nicht sehr rosig aus, was Unterstützung betrifft.“

Langzeitfolgen von unbehandeltem ADHS

Kinder mit ADHS haben ein höheres Risiko, an Depressionen zu erkranken, und ohne angemessene Behandlung eine zwei- bis fünffach erhöhte Wahrscheinlichkeit, eine Suchterkrankung zu entwickeln. Wer ständig aneckt, viel geschimpft wird und negative Lebenserfahrungen macht, leidet auch im Jugend- und Erwachsenenalter häufig an den Folgen.

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Professor Renner betont die Bedeutung einer frühzeitigen Aufklärung: „Je eher man Bescheid weiß, je eher auch die Kinder das wissen, desto besser kann man damit umgehen. ADHS ist keine reine Lern- und Leistungsstörung, sondern bringt oft auch soziale Schwierigkeiten mit sich. Und das ist etwas, das Kinder über längere Zeit prägen kann.“

Kinder mit ADHS hätten einen hohen Regelbedarf, so Renner. Es sei essenziell, dass Regeln konsequent um- und durchgesetzt werden. Ebenso wichtig sei es jedoch, „dass die Eltern das Tolle an ihren Kindern nicht aus dem Blick verlieren. Auch das hat seinen Platz in der Erziehung und ist für die Kinder eine große Hilfe bei der Entwicklung.“ Dr. Stollhoff sieht das ähnlich: Die Rückmeldung von Eltern auf ihre Informationsabende sei sehr positiv, „weil sie damit auch selbst entschuldet sind. Das setzt bei betroffenen Eltern so viel Energie und auch wieder eine positive Einstellung zum Kind frei.“