Berlin. Eltern stehen oft vor der schwierigen Frage, ob ihr Kind unter ADHS leidet oder hochbegabt ist – denn die Anzeichen können sich stark ähneln. In manchen Fällen treten sogar beide Phänomene gleichzeitig auf. Ein Psychologe erklärt, wann ein Test sinnvoll ist und wie man die Unterschiede erkennt.
Wenn der Schüler unterfordert ist
Jedes Mal, wenn der Lehrer eine Frage stellt, schnellt Antons Arm nach oben. Doch weil auch andere Kinder zu Wort kommen sollen, wird er bald nicht mehr aufgerufen. Für Anton ist das frustrierend, er zieht sich zurück, trödelt, macht Flüchtigkeitsfehler und lässt sich leicht ablenken. „Und dann sind wir schnell bei der Vermutung: ADHS“, erklärt Psychologe Thomas Eckerle an diesem Beispielfall. Was seine Eltern und Lehrer lange nicht wissen: Anton ist hochbegabt und unterfordert. Die Anzeichen können denen von ADHS ähneln.
Was ist Hochbegabung?
Als hochbegabt gilt, wer einen Intelligenzquotienten von mindestens 130 erreicht. Das betrifft etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Hochbegabte Kinder zeigen oft eine schnelle Auffassungsgabe, Kreativität und ein tiefes Interesse an bestimmten Themen. Allerdings können sie auch unterfordert sein und dann ähnliche Verhaltensweisen wie Kinder mit ADHS zeigen: Unruhe, mangelnde Konzentration, Impulsivität.
ADHS oder Hochbegabung? Die Symptome im Vergleich
Sowohl ADHS als auch Hochbegabung können sich durch Konzentrationsschwierigkeiten, Impulsivität und emotionale Labilität äußern. „Die Überschneidungen sind groß“, sagt Dr. Helga Simchen, Kinderneurologin. „Deshalb ist eine gründliche Diagnostik wichtig.“ Bei ADHS stehen oft Aufmerksamkeitsdefizite, Hyperaktivität und Impulsivität im Vordergrund, während hochbegabte Kinder eher durch Langeweile und Unterforderung auffallen. Ein wichtiger Unterschied: Hochbegabte können sich bei interessanten Aufgaben sehr gut konzentrieren, während ADHS-Kinder auch dann Schwierigkeiten haben.
Wann ist ein Test sinnvoll?
Psychologe Thomas Eckerle empfiehlt einen Test, wenn die Symptome das Kind im Alltag stark beeinträchtigen. „Eine frühzeitige Diagnose kann helfen, die richtige Förderung zu finden“, so Eckerle. Bei Verdacht auf ADHS oder Hochbegabung sollten Eltern zunächst einen Kinderarzt oder eine pädagogische Beratungsstelle aufsuchen. Dort werden dann gezielte Tests durchgeführt, um die Ursache der Verhaltensauffälligkeiten zu klären.
Gleichzeitiges Auftreten möglich
In seltenen Fällen kann ein Kind sowohl hochbegabt als auch von ADHS betroffen sein. „Das macht die Diagnose besonders herausfordernd“, erklärt Dr. Simchen. Dann sei eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Psychologen, Pädiatern und Pädagogen notwendig. Wichtig sei, das Kind nicht vorschnell zu etikettieren, sondern individuell zu fördern.
Eltern, die unsicher sind, sollten sich professionellen Rat holen. Denn: Eine falsche Einschätzung kann dazu führen, dass das Kind nicht die Unterstützung erhält, die es braucht. Ob ADHS oder Hochbegabung – in beiden Fällen kann eine angepasste Lernumgebung und gezielte Förderung den Alltag erleichtern.



