Immer mehr Erwachsene vermuten bei sich Autismus oder eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Die Zahlen der Diagnosen sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Nun schlägt ausgerechnet eine Pionierin der Autismus-Forschung Alarm: Uta Frith, die deutsche Psychologin, die das moderne Verständnis von Autismus maßgeblich geprägt hat, warnt vor einer Aufweichung der Diagnosekriterien.
Uta Frith: Viele Diagnosen sind falsch
Die heute 85-jährige Wissenschaftlerin äußerte sich im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) kritisch. „Ich habe lange gezögert, aber jetzt fand ich es unvermeidlich, das auszusprechen“, sagte Frith. Sie habe Bauchschmerzen angesichts der stark gestiegenen Zahl der Diagnosen. „Denn was bedeutet es noch, Teil eines riesigen Spektrums zu sein, dem wir alle irgendwie angehören?“ Viele Menschen, die heute die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung erhielten, seien gar nicht autistisch, so Frith.
Die Gefahr der Überdiagnose
Fachleute warnen schon länger vor Überdiagnosen bei ADHS und Autismus. Die Ausweitung der Diagnosekriterien führe dazu, dass auch Personen mit leichten oder normalen Verhaltensauffälligkeiten eine Störung zugeschrieben bekommen. Dies könne zu einer Stigmatisierung führen und die tatsächlich Betroffenen benachteiligen. Die steigende Zahl der Diagnosen sei jedoch nicht nur auf die veränderten Kriterien zurückzuführen, sondern auch auf ein gestiegenes Bewusstsein in der Gesellschaft.
Laut einer Studie aus dem Jahr 2023 ist die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen in Deutschland innerhalb von zehn Jahren um rund 50 Prozent gestiegen. Bei Autismus-Spektrum-Störungen sind die Zahlen ebenfalls deutlich angestiegen. Die genauen Ursachen sind komplex: Neben einer tatsächlichen Zunahme spielen auch eine verbesserte Erkennung und eine niedrigere Hemmschwelle für eine Diagnose eine Rolle.
Kritik an der Aufweichung der Kriterien
Uta Frith gehört zu den ersten Forschern, die Autismus als ein Spektrum beschrieben haben. Sie betont jedoch, dass die Grenzen des Spektrums nicht zu weit gezogen werden dürften. „Es gibt einen Unterschied zwischen einer Persönlichkeitseigenschaft und einer Störung“, erklärte sie. Die Diagnosekriterien müssten streng bleiben, um denjenigen zu helfen, die wirklich unter den Symptomen leiden.
Andere Experten teilen Friths Bedenken. Der Psychiater und ADHS-Forscher Dr. Michael Schulte-Markwort sagte dem Tagesspiegel: „Wir erleben eine Inflation von Diagnosen. Viele Menschen suchen nach einer Erklärung für ihre Alltagsprobleme und finden sie in einer Störung. Das kann entlastend wirken, aber auch dazu führen, dass normale Schwankungen pathologisiert werden.“
Auswirkungen auf Betroffene und das Gesundheitssystem
Die zunehmende Zahl von Diagnosen hat auch praktische Konsequenzen. Immer mehr Erwachsene beantragen Nachteilsausgleiche im Beruf oder Studium, etwa durch längere Bearbeitungszeiten oder spezielle Arbeitsplatzanpassungen. Das Gesundheitssystem wird durch die steigende Nachfrage nach Diagnostik und Therapie belastet. Gleichzeitig befürchten Kritiker, dass die tatsächlich Betroffenen nicht mehr ernst genommen werden, wenn die Diagnose zu inflationär verwendet wird.
Die Debatte um Überdiagnosen ist nicht neu, gewinnt aber durch die Stellungnahme einer so renommierten Forscherin wie Uta Frith an Brisanz. Sie selbst rät dazu, die Kriterien zu überdenken und die Diagnostik zu verfeinern. „Wir müssen unterscheiden zwischen einer Variante des Menschseins und einer behandlungsbedürftigen Störung“, so Frith abschließend.



