ADS – die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität – wird häufig übersehen, obwohl sie laut Experten die häufigste Form von ADHS sein könnte. Besonders Frauen und Mädchen sind betroffen, werden aber oft jahrelang falsch diagnostiziert. Zwei Fachärzte klären über die Unterschiede auf und betonen die gravierenden Folgen einer späten Erkennung.
Was ist ADS und wie unterscheidet es sich von ADHS?
Während ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) durch Impulsivität, Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität gekennzeichnet ist, fehlt bei ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) die Hyperaktivität. Daniel Schöttle, Chefarzt der Psychiatrie am Asklepios Klinikum Harburg, erklärt: „Es gibt keine Zusatzsymptome bei ADS – es fallen vielmehr die hyperaktiven und impulsiven Symptome weg.“ Kennzeichnend sei die Aufmerksamkeitsstörung. Eine neue Meta-Analyse zeige, dass der unaufmerksame Typ wahrscheinlich der häufigste Subtyp der ADHS sei.
Symptome im Vergleich
Laut Schöttle äußern sich ADS und ADHS bei Betroffenen unter anderem durch Flüchtigkeitsfehler, kurze Aufmerksamkeitsspanne, nicht richtig zuhören können, Aufgaben nicht zu Ende bringen, Schwierigkeiten bei Struktur und Organisation, Verlust von Gegenständen sowie leichte Ablenkbarkeit und Tagträumereien. Zusätzlich treten bei ADHS Impulsivität und Hyperaktivität auf. Alexandra Philipsen, Chefärztin der Psychiatrie am Universitätsklinikum Bonn, betont: „Unaufmerksamkeit gehört zu den AD(H)S-Symptomen, die nur unglaublich schwierig kompensiert werden können, da es der willentlichen Verhaltenskontrolle am wenigsten unterliegt.“
Warum Frauen besonders betroffen sind
Bei Mädchen und Frauen mit ADS ist die unaufmerksame Form deutlich häufiger, während bei Jungen und Männern die hyperaktive und impulsive Form überwiegt. Verträumte Mädchen werden oft als unauffällig wahrgenommen, sodass die Erkrankung häufig erst spät erkannt wird. Schöttle betont: „Es sind eben nicht alle die aufgedrehten Zappel-Philippe. Es ist wichtig, auch das Augenmerk auf Menschen zu richten, die eher dem primär unaufmerksamen Typ zuzuordnen sind und von außen unauffällig wirken.“
Folgen einer späten Diagnose
Laut Schöttle entwickeln etwa 80 Prozent der Menschen mit AD(H)S im Verlauf Begleiterkrankungen wie Abhängigkeitserkrankungen, Depressionen, Angsterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen. „Dass AD(H)S allein vorkommt, ist eher selten“, so der Experte. Unerkanntes AD(H)S könne einen hohen Leidensdruck auslösen. Zwar können Betroffene in einen Hyperfokus schalten und sich stundenlang konzentrieren, wenn sie für etwas brennen. Im Alltag jedoch, so Schöttle, müsse man auch viel Uninteressantes erledigen – dann entstünden Probleme.
Behandlungsmöglichkeiten
Philipsen empfiehlt Achtsamkeitsübungen und Meditation, um die Aufmerksamkeit gezielt zu trainieren. Schöttle ergänzt Psychoedukation, Coaching, Therapie und Sport. „Nicht jeder muss Medikamente nehmen, diese sind aber sehr effektiv und viele profitieren davon“, sagt er. Entscheidend sei auch, ob Betroffene eine Nische gefunden haben, in der ihre Stärken wie Kreativität zur Geltung kommen. Als Beispiel nennt Schöttle Werbetexter, die von ungewöhnlichen Ideen profitieren, während ein Steuerberater mit Excel-Tabellen möglicherweise nicht ideal sei.



