Eine seit über einem Jahrhundert verwendete Impfung gegen Tuberkulose rückt in den Fokus der Alzheimer-Forschung. In einer neuen Pilotstudie fanden Wissenschaftler Hinweise darauf, dass die BCG-Impfung (Bacillus Calmette-Guérin) das Immunsystem so trainieren könnte, dass frühe neurodegenerative Prozesse im Gehirn verlangsamt werden. Die Ergebnisse wurden von einem führenden Neurologen eingeordnet, der die Studie als vielversprechend, aber noch nicht abschließend bewertet.
Was die Forscher in Blut und Nervenwasser entdeckten
Die Pilotstudie untersuchte die Auswirkungen der BCG-Impfung auf Biomarker im Blut und Liquor (Nervenwasser) von Probanden. Dabei zeigten sich Unterschiede zwischen gesunden Teilnehmern und Menschen mit ersten Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung. Bei gesunden Probanden beobachteten die Forscher eine gesteigerte Aktivität bestimmter Immunzellen, die möglicherweise schützend wirken. Bei Personen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen – einer frühen Phase der Alzheimer-Erkrankung – fanden sich hingegen Hinweise auf eine verlangsamte Ablagerung von Amyloid-Beta-Plaques, einem Kennzeichen der Alzheimer-Pathologie. Die Veränderungen waren jedoch gering und statistisch nicht signifikant, sodass die Ergebnisse als vorläufig gelten.
Die Rolle des Immunsystems bei Alzheimer
Die BCG-Impfung ist bekannt dafür, dass sie nicht nur vor Tuberkulose schützt, sondern auch eine allgemeine immunstimulierende Wirkung hat. Dieses Phänomen wird als „trainierte Immunität“ bezeichnet: Das angeborene Immunsystem wird durch den Impfstoff so geprägt, dass es auf spätere Herausforderungen stärker reagiert. Bei Alzheimer wird vermutet, dass chronische Entzündungsprozesse und eine Fehlregulation des Immunsystems zur Krankheitsentwicklung beitragen. Die BCG-Impfung könnte diese Fehlregulation korrigieren, indem sie das Immunsystem in eine entzündungshemmende Richtung lenkt. Frühere Studien hatten bereits einen Zusammenhang zwischen BCG-Impfungen und einem niedrigeren Alzheimer-Risiko gezeigt, darunter eine große israelische Kohortenstudie aus dem Jahr 2019.
Andere Impfungen im Fokus
Neben der BCG-Impfung untersuchen Forscher auch andere Vakzine auf ihren möglichen Schutz vor Alzheimer. So deuten Studien darauf hin, dass die Impfung gegen Gürtelrose (Herpes Zoster) das Risiko für Demenz senken könnte – möglicherweise durch die Verhinderung von Herpesvirus-Reaktivierungen, die als Risikofaktor für Alzheimer gelten. Auch die saisonale Grippeimpfung wird in diesem Zusammenhang diskutiert. Der Neurologe betonte, dass die bisherigen Daten Beobachtungsstudien entstammen und keine Kausalität belegen. Dennoch seien die Hinweise stark genug, um groß angelegte klinische Studien zu rechtfertigen. Die BCG-Impfung habe den Vorteil, dass sie als alter, gut erforschter Impfstoff ein günstiges Sicherheitsprofil aufweise und weltweit verfügbar sei.
Ausblick und nächste Schritte
Die Pilotstudie liefert erste Daten, die einen möglichen Nutzen der BCG-Impfung bei Alzheimer andeuten. Allerdings war die Teilnehmerzahl mit wenigen Dutzend Probanden klein, und die Studie war nicht randomisiert oder placebokontrolliert. Die Forscher planen nun eine größere, randomisierte kontrollierte Studie, um die Wirksamkeit zu überprüfen. Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnte die BCG-Impfung eine kostengünstige und sichere Option zur Verlangsamung der Alzheimer-Erkrankung werden – insbesondere in Ländern mit begrenzten Ressourcen. Bis dahin warnen Experten jedoch vor voreiligen Schlüssen und empfehlen, bewährte Präventionsmaßnahmen wie Bewegung, gesunde Ernährung und geistige Aktivität beizubehalten.



