Blut wird in Deutschland knapp und gleichzeitig teurer. Die Zahl der Blutspender sinkt, während die Bevölkerung altert und ältere Menschen häufiger auf Bluttransfusionen angewiesen sind. Angebot und Nachfrage klaffen immer weiter auseinander. Ausgerechnet in dieser angespannten Situation, so kritisieren Mediziner und Ökonomen, verschenken Krankenhäuser täglich Blut, das sie gar nicht verabreichen müssten.
Leichtsinnige Entscheidungen bei Bluttransfusionen
Der Vorwurf wiegt schwer: Ärzte würden zu oft und zu leichtfertig Bluttransfusionen anordnen, ohne vorher gründlich zu prüfen, ob diese wirklich notwendig sind. „Es reicht, dass sie alt und vielleicht ein bisschen blass ist“, zitiert der Tagesspiegel eine Ärztin, die die Entscheidungskultur in vielen Kliniken beschreibt. Dabei sei Blut ein kostbares Gut, das sparsam eingesetzt werden müsse.
Ein Konzept namens „Patient Blood Management“ (PBM) zielt darauf ab, Transfusionen nur dann durchzuführen, wenn sie medizinisch unvermeidbar sind. Es umfasst Maßnahmen wie die Behandlung von Blutarmut vor Operationen, die Minimierung von Blutverlusten während Eingriffen und die Nutzung von Alternativen wie Eisenpräparaten oder Medikamenten, die die Blutbildung anregen.
Patient Blood Management: Wirksam, aber nicht verbindlich
Studien belegen, dass PBM die Zahl der Transfusionen deutlich senken kann – um bis zu 30 bis 50 Prozent in manchen Kliniken. Das spart nicht nur Blutkonserven, sondern auch Kosten und reduziert Risiken für Patienten, wie Infektionen oder Immunreaktionen. Dennoch wird PBM in Deutschland nur zögerlich umgesetzt. Anders als in Ländern wie den USA, Australien oder Belgien gibt es hierzulande keinen verbindlichen Rahmen, der Kliniken zur Anwendung des Konzepts verpflichtet.
„Es fehlt ein nationaler Standard“, sagt Dr. med. Kai Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Frankfurt und PBM-Experte. „Viele Krankenhäuser handeln nach eigenem Ermessen, und solange es keine verbindlichen Vorgaben gibt, wird sich das auch nicht ändern.“
Blutkonserven werden knapper und teurer
Die Situation auf dem Blutmarkt verschärft sich. Die Zahl der Vollblutspenden ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken – von rund 7,5 Millionen im Jahr 2019 auf etwa 7,2 Millionen im Jahr 2022. Gleichzeitig steigt der Bedarf, insbesondere durch die alternde Bevölkerung. Die Kosten für eine Blutkonserve liegen mittlerweile bei rund 100 Euro, Tendenz steigend.
Doch nicht nur ökonomische Gründe sprechen für einen sparsameren Umgang. Jede Transfusion birgt Risiken: Von allergischen Reaktionen bis hin zur Übertragung von Infektionserregern. Zudem kann eine unnötige Transfusion das Immunsystem schwächen und die Erholung nach Operationen verzögern.
Was sich ändern müsste
Experten fordern daher verbindliche Leitlinien für Kliniken, die den Einsatz von Bluttransfusionen regeln. Dazu gehören klare Indikationen, Schulungen des Personals und eine bessere Dokumentation. Auch Anreize durch das Vergütungssystem könnten helfen: Werden weniger Transfusionen durchgeführt, sparen die Krankenhäuser Kosten – doch dieser Effekt wird bisher nicht systematisch genutzt.
Der Tagesspiegel berichtet, dass einige Kliniken bereits erfolgreich PBM eingeführt haben, etwa das Universitätsklinikum Frankfurt oder das Klinikum der Universität München. Dort konnte die Zahl der Transfusionen um mehr als die Hälfte gesenkt werden. Doch ohne verbindliche Vorgaben bleiben solche Beispiele die Ausnahme.
„Es ist an der Zeit, dass die Politik handelt“, fordert Zacharowski. „Wir können es uns nicht leisten, Blut zu verschwenden, wenn es immer knapper wird.“



