Charité-Sonntagsvorlesung: Endometriose im Fokus
Die Berliner Charité lud zu einer Sonntagsvorlesung über die gynäkologische Erkrankung Endometriose ein. Rund vier Millionen Frauen in Deutschland sind betroffen – die Dunkelziffer ist hoch. Viele Patientinnen klagen darüber, dass ihre extremen Regelschmerzen nicht ernst genommen werden, niedergelassene Gynäkologen sie oft unzureichend behandeln und Wartezeiten auf Spezialistentermine sehr lang sind.
In einem Hörsaal der Charité hatten Betroffene und Interessierte nun die Gelegenheit, sich über Endometriose zu informieren und Fragen zu stellen. Die Antworten gab Prof. Sylvia Mechsner, international anerkannte Endometriose-Expertin und Leiterin des Endometriosezentrums am Charité-Campus-Virchow-Klinikum.
Was ist Endometriose?
Endometriose ist eine chronisch-entzündliche gynäkologische Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst – etwa in der Muskelwand der Gebärmutter oder im kleinen Becken. Betroffene Frauen leiden unter extremen Regelschmerzen, Durchfall, Erbrechen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und häufig auch unter unerfülltem Kinderwunsch.
Frühe Menstruation und erste Schmerzen: Können sie auf Endometriose hindeuten?
Prof. Mechsner: „Das ist niemals sofort Endometriose. Diese Erkrankung entsteht erst mit der Zeit. Ich bin trotzdem sehr dafür, diese Schmerzen gleich mit Schmerztabletten zu behandeln. Bei Mädchen im Alter von 13 oder 14 Jahren, bei denen diese Behandlung nicht hilft, kann auch eine kombinierte Pille eingesetzt werden.“
Bis zu welchem Alter können neue Gewebeherde entstehen?
Die aktive Phase der Endometriose beginnt meist mit der Menstruation in den 20ern oder 30ern, oft auch erst in den 40ern. Mit der Perimenopause – der Übergangsphase zu den Wechseljahren – kommt die Erkrankung etwas zur Ruhe, sofern die Zyklen unregelmäßiger werden. Nach der Menopause sollte das Thema Endometriose hormonbedingt eigentlich durch sein, andere Schmerzen können jedoch bleiben.
Können Gewebeherde nach einer Operation wiederkommen?
Es sei sehr wichtig, in einem Zentrum operiert zu werden, wo mit einer Bauchspiegelung genau gesehen wird, wo Herde sind, und diese dann entfernt werden. Bei Personen, die nach der Operation keine Hormone nehmen, läuft der Zyklus weiter. So können Zellen aus der Gebärmutter wieder nachkommen oder mikroskopisch kleine Zellen sich weiterentwickeln. Die Rezidivrate für Bauchfellherde liegt bei rund zehn Prozent. In der Regel bleibt die Gebärmutter bei einer Operation erhalten, sodass die Erkrankung der Gebärmutter bestehen bleibt. Deshalb bietet sich eine weiterführende Hormontherapie an, es sei denn, die Frau möchte schwanger werden.
Prof. Mechsner betont: „Wir leben von einer Querfinanzierung. Mit dem Endometriosezentrum an der Charité wird kein Geld verdient.“
Enden die Beschwerden nach einer Gebärmutterentfernung?
Der Zyklus ist nur dann weg, wenn keine Eierstöcke mehr vorhanden sind. Bei einer Gebärmutterentfernung in der aktiven Zyklusphase bleibt der Zyklus bestehen – die Frau blutet nur nicht mehr. Manche Frauen denken fälschlicherweise, dass das Thema damit erledigt sei. Es gibt jedoch Gewebeherde außerhalb der Gebärmutter, die nicht gesehen wurden oder zu klein waren und wieder aufflammen können. Nach einer Hysterektomie bestehen in 20 Prozent der Fälle weiterhin Probleme. Daher ist es wichtig, Patientinnen nach der Operation weiter zu beobachten und zu behandeln.
Erfahrungen mit CBD-Öl bei Endometriose?
Prof. Mechsner berichtet von einer Anwendungsbeobachtungsstudie mit herkömmlichem CBD-Öl bei Patientinnen, die trotz Therapie chronische Schmerzen hatten. „Wir hatten sehr große Erfolge damit. Die Frauen hatten eine bessere Lebensqualität, konnten besser schlafen und ihre Schmerzmittel reduzieren.“
Warum gibt es in Berlin so wenige spezialisierte Gynäkologen für Endometriose?
„Mit Endometriose kann man kein Geld verdienen“, erklärt Mechsner. In der Niederlassung habe man nur fünf bis acht Minuten Zeit für eine Behandlung, sonst arbeite man nicht wirtschaftlich. Für eine Endometriose-Behandlung könne man maximal 47 Euro abrechnen. Sie selbst nehme sich eine Dreiviertelstunde für Patientinnen, hinzu komme die Sprechstunde ihrer Kollegin Lena Hofmann. Insgesamt seien sie zwei Stunden beschäftigt und böten Leistungen im Wert von 400 bis 500 Euro an, könnten aber nur 180 Euro abrechnen. „Das ist wirklich ein Verlustgeschäft für die Klinik. Wir können das nur machen, weil die Charité eine große Onkologie hat und dadurch viel Geld einnimmt.“
Wie lange wartet man auf einen Termin im Endometriosezentrum?
Täglich gehen 30 Terminanfragen ein. Das Team triagiert und filtert dringliche Fälle heraus, die innerhalb von drei bis sechs Monaten einen Termin erhalten. Bei anderen kann es ein bis zwei Jahre dauern. Vielen Patientinnen müsse man absagen, meist solchen, die noch nie eine Basistherapie hatten.
Die Berliner Morgenpost begleitet die Sonntagsvorlesungen in diesem Jahr in einer redaktionellen Medienkooperation mit der Charité. Die nächste Vorlesung findet am 13. September statt; das Thema steht noch nicht fest.



