Erste Gentherapie zur Verjüngung von Nervenzellen am Menschen getestet
Gentherapie zur Verjüngung von Nervenzellen am Menschen

Erstmals wird eine experimentelle Gentherapie am Menschen getestet, die alternde Nervenzellen im Auge biologisch verjüngen soll. Das US-Biotechunternehmen Life Biosciences verabreichte im Juni 2026 die Behandlung ER-100 einem ersten Patienten. Die klinische Studie wurde von der FDA im Januar genehmigt und umfasst bis zu 18 Teilnehmer mit Glaukom oder einer seltenen Sehnervenerkrankung. Das Fachjournal „Nature“ wertet den Beginn als wichtigen Schritt für die Verjüngungsforschung.

Wie die Gentherapie ER-100 wirkt

ER-100 setzt auf partielle Reprogrammierung: Ein gentechnisch veränderter Virus schleust drei sogenannte Yamanaka-Faktoren in geschädigte retinale Ganglienzellen ein. Diese Gene können altersbedingte Veränderungen teilweise zurücksetzen. Die Aktivierung erfolgt nur, wenn die Patienten das Antibiotikum Doxycyclin einnehmen – ein molekularer Schalter zur Kontrolle. Die Behandlung zielt darauf ab, die Funktion der Nervenzellen wiederherzustellen, ohne ihre Identität zu verlieren.

„Unsere Forschung deutet darauf hin, dass Alterung zu einem großen Teil durch den Verlust epigenetischer Informationen verursacht wird und nicht durch irreversible Schäden“, erklärte Harvard-Genetiker David Sinclair, Mitgründer von Life Biosciences. „Die Studie bietet erstmals die Möglichkeit zu prüfen, ob sich durch die Wiederherstellung dieser Informationen menschliche Krankheiten lindern lassen.“

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Studiendesign und erste Patienten

Zunächst erhalten zwölf Patienten mit Offenwinkelglaukom die Therapie, anschließend bis zu sechs weitere mit der seltenen Erkrankung NAION. Die Dosierung wird schrittweise angepasst, alle Probanden werden mindestens fünf Jahre lang medizinisch begleitet. Beide Erkrankungen schädigen retinale Ganglienzellen, die visuelle Informationen vom Auge an das Gehirn weiterleiten. Bislang ist ein durch ihren Untergang verursachter Sehverlust nicht reversibel.

Die Studie prüft primär Sicherheit und Verträglichkeit, aber auch, ob geschädigte Nervenzellen wieder funktionsfähiger werden. Die Forscher hoffen auf eine Regeneration, wie sie in Tierversuchen an der Harvard Medical School beobachtet wurde.

Risiken und Kritik

Eingriffe in die Genregulation bergen schwer kalkulierbare Risiken. Im schlimmsten Fall könnten Zellen entarten und Tumore entstehen. Der Neurobiologe Pete Williams warnt vor übertriebenen Erwartungen: „Es hat viel Hype bekommen. Wenn das katastrophal schiefgeht, könnte es uns allen in Zukunft schaden.“ Ein Rückschlag könnte die gesamte Zellverjüngungsforschung diskreditieren.

Ein weiteres Problem: ER-100 behandelt nicht die Ursache des Glaukoms – den erhöhten Augeninnendruck. Selbst wenn Nervenzellen verjüngt werden, könnte der krankhafte Prozess erneut einsetzen. Der Stammzellbiologe Paul Knoepfler hält den Schritt in die klinische Anwendung für verfrüht.

Wirtschaftliches Interesse trotz offener Fragen

Die Warnungen bremsen das Investoreninteresse kaum. Laut „Business Insider“ fließt erhebliches Kapital in die zelluläre Reprogrammierung, unter anderem von Jeff Bezos, Sam Altman sowie den Pharmakonzernen Eli Lilly und Merck. Life Biosciences bezeichnet sich als erstes Unternehmen weltweit, das eine klinische Studie zur partiellen Zellverjüngung am Menschen begonnen hat. Ob daraus eine neue Therapieform entsteht, werden die nun erhobenen Daten zeigen.

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