Seit rund zehn Jahren beobachtet der Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort ein alarmierendes Muster: Immer wieder begegnen ihm junge Frauen, die sich vollständig aus der Welt zurückziehen, apathisch wirken und keine Lebensfreude mehr zeigen – ohne jedoch die klassischen Symptome einer Depression oder eines Burnouts aufzuweisen. Dieses Phänomen der sogenannten mutlosen Mädchen sei heute noch genauso präsent wie damals, betont der Experte im Gespräch mit dem Tagesspiegel.
Das Phänomen der mutlosen Mädchen
„Wir sehen weiterhin recht häufig Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren, seltener auch Jungen, die sich so verhalten“, sagt Schulte-Markwort. Die Jugendlichen seien erschöpft, antriebslos und zurückgezogen, doch eine klassische psychiatrische Diagnose lasse sich oft nicht stellen. Der Psychiater betont, dass es ihm nicht um die Schaffung einer neuen Krankheitskategorie gehe, sondern darum, auf ein verbreitetes, aber wenig erforschtes Problem aufmerksam zu machen: „Derzeit kann man vor allem sagen: Wir ordnen solche Fälle diagnostisch breiter ein als früher. Ich wollte dafür keine neue offizielle Diagnose schaffen.“
Rolle von Schule und Familie
Schulte-Markwort zufolge spielen sowohl schulischer Leistungsdruck als auch familiäre Erwartungen eine zentrale Rolle. Viele betroffene Mädchen berichten von einem Gefühl der Überforderung: Sie fühlten sich von allen Seiten unter Druck gesetzt – von Eltern, Lehrern und nicht zuletzt von sich selbst. Statt zu kämpfen, erstarren sie. „Sie geben auf, weil sie keinen Ausweg mehr sehen“, erklärt der Psychiater. Besonders auffällig sei, dass es sich oft um Mädchen handle, die zuvor sehr leistungsorientiert waren und plötzlich jede Motivation verlieren.
Fehlende Studien und gesellschaftliche Verantwortung
Ein großes Problem sei die fehlende wissenschaftliche Basis. „Es gibt dazu bislang kaum aktuelle Studien“, beklagt Schulte-Markwort. Dabei handele es sich um ein gesellschaftlich relevantes Phänomen, das weit über individuelle Schicksale hinausgehe. Die Jugendpsychiatrie sei gefordert, ihre diagnostischen Werkzeuge zu schärfen, um diesen Jugendlichen besser helfen zu können. Er fordert ein Umdenken: Weg von der Fixierung auf Leistung, hin zu mehr Achtsamkeit und echten Gesprächen in Familien und Schulen.
Hilfe und Perspektiven
Wie kann betroffenen Mädchen geholfen werden? Nach Ansicht des Experten brauche es vor allem Zeit und Raum. Therapeutische Ansätze, die auf Druckvermeidung und Selbstakzeptanz setzen, zeigten Erfolge. Auch eine Entlastung in der Schule sei wichtig. Schulte-Markwort appelliert an Eltern, frühzeitig Signale wie sozialen Rückzug oder anhaltende Müdigkeit ernst zu nehmen, anstatt zu warten, bis die Krise eskaliert. Denn das Erstarrungsmuster könne ohne rechtzeitige Intervention chronisch werden und in schweren Fällen zu einem völligen Abbruch der sozialen Kontakte führen.
Das Phänomen der mutlosen Mädchen sei kein Randproblem, sondern ein Weckruf an die Gesellschaft, betont der Jugendpsychiater. Er hofft auf mehr Sensibilisierung und gezielte Forschung, um den betroffenen Jugendlichen eine echte Perspektive zu bieten.



