Psychotherapie-Kollaps droht: 15 Monate Wartezeit für gesetzlich Krankenversicherte
Psychotherapie-Kollaps: 15 Monate Wartezeit droht

Warnung vor Kollaps in der ambulanten Psychotherapie

Die beschlossenen Honorarkürzungen für Psychotherapeutinnen und -therapeuten in Deutschland drohen die ohnehin angespannte Versorgungslage weiter zu verschärfen. Laut einer aktuellen Umfrage des Aktionsbündnisses Psychotherapie e.V. könnten die Wartezeiten auf einen Therapieplatz von derzeit durchschnittlich neun auf künftig 15 Monate ansteigen. Dies betrifft vor allem gesetzlich Krankenversicherte, während Privatversicherte weiterhin schneller Termine erhalten.

Hintergrund der Honorarkürzung

Der Erweiterte Bewertungsausschuss hatte im März eine Kürzung der Honorare um 4,5 Prozent ab dem 1. April beschlossen. Dies geschah gegen die Stimmen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die eine geringere Kürzung favorisierte. Die gesetzlichen Krankenkassen hatten sogar eine zehnprozentige Kürzung gefordert. Das Bundesgesundheitsministerium unter Nina Warken sieht keine rechtlichen Gründe, die Kürzung anzufechten, wie es in einem Prüfvermerk heißt.

Reaktionen aus der Praxis

Viele Psychotherapeuten reagieren bereits auf die unsichere Planungssituation. Über die Hälfte der Praxen vergibt als Reaktion auf die Kürzungen nun durchschnittlich zwei GKV-Plätze an Selbstzahler oder Privatversicherte, was einem Wegfall von rund 84.000 GKV-Plätzen entspricht. Silvia Hoffmann, Psychologische Psychotherapeutin, erklärt: „Aufgrund der unsicheren Planungssituation nehme ich aktuell keine neuen Patientinnen oder Patienten mehr auf. Ich kann ihnen über 2026 hinaus keine Garantie für eine Behandlung geben.“

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Folgen für Kinder und Jugendliche

Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche. Tobias Ley, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, bezeichnet die Sparmaßnahmen als „Verrat an einer ganzen Generation, der man nach Corona Hilfe versprochen hatte“. Die Kürzungen führten zu längeren Arbeitsausfällen, Schulabbrüchen, Langzeitarbeitslosigkeit und Frühberentungen. Das Aktionsbündnis Psychotherapie e.V. warnt vor einem Kollaps der psychotherapeutischen Versorgung, der nicht nur Patienten, sondern auch 42.000 selbstständige Psychotherapeuten existenzbedrohend treffen würde.

Zukunft der ambulanten Psychotherapie

Die Umfrage zeigt, dass 13,8 Prozent der jüngeren Therapeuten erwägen, ihren Kassensitz abzugeben, was zu einem Wegfall von Therapieplätzen für rund 110.000 gesetzlich Versicherte führen würde. Ein Drittel plant sogar, ganz aus der Patientenversorgung auszusteigen, sollte der Gesetzesentwurf unverändert in Kraft treten. 61,9 Prozent der niedergelassenen Therapeuten raten von einer Niederlassung im geplanten System ab. Das Gesundheitsministerium kündigt an, die gesetzlichen Voraussetzungen für eine gesonderte Bedarfsplanung für Kinder- und Jugendlichentherapeuten zu schaffen, um weitere Niederlassungsmöglichkeiten zu eröffnen und Wartezeiten zu verkürzen.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen

Die Folgen der Entwicklung werden nach Einschätzung des Aktionsbündnisses massiv sein. Unbehandelte psychische Erkrankungen, die bisher ambulant behandelt werden konnten, führen zu teureren stationären Aufenthalten und belasten die gesamte Volkswirtschaft. Die Honorarkürzungen gefährden nicht nur die Gesundheit der Betroffenen, sondern auch die Existenz vieler selbstständiger Therapeuten.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration