Ärzte kritisieren Attestpflicht ab Tag eins scharf
Ärzte kritisieren Attestpflicht ab Tag eins scharf

Die von der schwarz-roten Bundesregierung geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und die Wiedereinführung der Attestpflicht ab dem ersten Fehltag haben eine breite Welle der Kritik ausgelöst. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, bezeichnete die Pläne als „Irrsinn“. Gegenüber der „Rheinischen Post“ sagte er: „Es grenzt an Irrsinn, Abertausende Menschen zusätzlich in die Praxen zu jagen für das reine Ausfüllen von Zetteln. Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett – und nicht in die übervolle Praxis.“

Karenztag als Alternative gefordert

Gassen plädierte in der „Bild“-Zeitung stattdessen für die Einführung eines Karenztags, bei dem der erste Krankheitstag unbezahlt bliebe. Für die niedergelassenen Ärzte sei das Vorhaben der Regierungsparteien „eine Zumutung, die an Unverschämtheit grenzt“. Er verwies dabei auf die angespannte finanzielle Lage der gesetzlichen Krankenversicherung. Der schleswig-holsteinische Hausarztverbandsvorsitzende Jens Jensen warnte vor einem „sprunghaften Anstieg der Patientenkontakte“. Dies führe dazu, dass weniger Zeit für die Versorgung schwer erkrankter Menschen bleibe, die zwingend in die Praxis kommen müssten.

Kinder- und Jugendärzte kritisieren Schritt

Auch die Kinder- und Jugendärzte lehnen die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung ab. Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte, sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur: „Es war ein super System.“ Er betonte, dass die telefonische Krankschreibung in der Pandemie eine wichtige Entlastung gebracht habe. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) nannte die geplante Abschaffung einen „klaren Rückschritt“. Studien zeigten, dass die telefonische Krankschreibung nicht zu mehr Krankschreibungen führe, nun drohe wieder mehr Bürokratie.

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Gewerkschaften kritisieren Misstrauenskultur

Die Gewerkschaften üben ebenfalls scharfe Kritik. Ver.di-Chef Frank Werneke sagte: „Wenn sich Beschäftigte künftig vom ersten Tag an beispielsweise mit einem grippalen Infekt zum Arzt schleppen sollen, ist das Ausdruck einer grundsätzlichen Misstrauenskultur.“ Arbeitnehmer seien keine Drückeberger, „auch wenn Arbeitgeber und Teile der Regierung dies unterstellen“. Ähnlich argumentierte der Bundesvorsitzende des Beamtenbundes, Volker Geyer. Union und SPD hatten im Koalitionsausschuss beschlossen, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Sie war in der Coronapandemie als Alternative zum Praxisbesuch eingeführt worden, wurde aber von Arbeitgeberverbänden und Teilen der Union wegen hoher Krankheitszahlen infrage gestellt.

Verschärfte Strafen für Ärzte geplant

Die Koalition will zudem eine „verpflichtende Vorlage“ einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) „ab dem ersten Tag der Erkrankung“ einführen. Ärzte sollen künftig härter bestraft werden, wenn sie eine AU „unrichtig“ ausstellen. Dies dürfte die Arbeit der Hausärzte zusätzlich belasten. Hinzu kommt die Diskussion um ein Primärarztmodell und eine „Termingarantie für Fachärzte“. Gassen kritisierte dies in der „Rheinischen Post“ scharf: „Termingarantien müssen medizinisch begründet sein und nicht dem Wunschdenken von Politikern entspringen. Wir empfehlen der Politik im Übrigen, dann bitte auch eine Garantie auf viele Sonnentage bei angenehmen 25 Grad einzuführen.“

Facharzttermine in Gefahr

Kinder- und Jugendärztefunktionär Maske warnte, dass eine Überlastung der regulären Praxen durch die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung zu mehr Überweisungen an Fachärzte führen könnte. „Der garantierte Facharzttermin geht damit zunichte.“ Für Eltern wünscht sich Maske ein Kontingent an Tagen, das sie bei Krankheit der Kinder ohne Arztbesuch und Krankschreibung nutzen könnten. „Das würden Eltern nicht ausnutzen, wir brauchen hier Vertrauen.“

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