Tanz als Hochleistungssport: Warum Tänzer spezielle Medizin brauchen
Tanz braucht eigene Medizin: Hochleistung auf Spitze

Vom klassischen Ballett bis zu zeitgenössischen Choreografien: Tänzer sind Hochleistungssportler. Doch wie steht es um die medizinische Betreuung? Eine Analyse von Christiane Theobald zeigt, dass trotz Fortschritten noch viel zu tun ist.

Der Tänzerkörper: Hochleistung unter besonderen Bedingungen

So elegant, so leicht, der Schwerkraft entzogen – so sieht es aus, wenn eine Tänzerin wie Polina Semionova oder Iana Salenko in „Schwanensee“ ihre 32 Fouettés auf Spitze dreht oder ein Tänzer eine „Double Tour en l’air“ zeigt: zweimal um die eigene Achse gesprungen und weich, fast lautlos gelandet. Wir staunen, applaudieren und ahnen kaum, welche Arbeit dahintersteckt. Doch eine kleine Unkonzentriertheit, eine schiefe Landung, und die Verletzung ist Realität – in ihrer Schwere jenen von Profisportlern vergleichbar. Was an Behandlung, Betreuung und Rehabilitation folgt und was zuvor an Prävention unterblieben ist, lässt sich indes nicht vergleichen.

Tänzer – ob im klassischen Ballett oder im zeitgenössischen Tanz, am Staats- oder Stadttheater oder in der freien Szene – sind nicht nur Künstler, sie sind künstlerische Hochleistungssportler. Ihre Ausbildung beginnt, anders als in den meisten Berufen, schon im Kindesalter und verlangt extreme körperliche Belastbarkeit, mentale Stärke, Disziplin, künstlerisches Feingefühl und Teamgeist.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Berufstraum mit hoher körperlicher Fallhöhe

Der Tag beginnt mit gründlichem Aufwärmen, dem Training, damit der Körper jene Virtuosität erreicht, die wir bejubeln. Danach folgen bis zu fünf Stunden Probe; steht abends eine Vorstellung an, wird nur bis mittags geprobt. Die Anforderungen richten sich nach dem Repertoire und den Choreografen, von klassischen Balletten wie „Schwanensee“ bis zu zeitgenössischen Arbeiten von Sharon Eyal oder William Forsythe. Der Körper muss sich permanent umstellen, Überbelastungen und Verletzungen gehören zum Alltag – vollständig vermeiden lassen sie sich nicht; umso wichtiger ist ein waches Bewusstsein für Trainingsziele, eigene Grenzen, Ernährung, Schlaf und Regeneration. Wer Warnsignale übergeht, zahlt später einen hohen Preis.

Im Hochleistungssport sind solche Belastungen längst professionell organisiert: An Olympiastützpunkten gehören Sportmediziner, Ernährungsberatung und Reha-Teams selbstverständlich dazu. Im Tanz entwickelt sich eine eigenständige Tanzmedizin erst langsam – vor allem dank ehemaliger Tänzer:innen, die in die Medizin gewechselt sind und ihr Wissen auf die besonderen Anforderungen tanzender Körper übertragen.

Tanzmedizin in Deutschland: Netzwerk vorhanden, Implementierung fehlt

„Wir haben in Deutschland ein gutes tanzmedizinisches Behandlungsnetzwerk aufgebaut, aber noch keine wirksame Implementierung der Tanzmedizin in den Arbeitsstrukturen der Ensembles und Ausbildungsinstitutionen erreicht. Das ist der nächste notwendige Schritt“, so Dr. Anja Hausschild, ehemalige Tänzerin, Tanzmedizinerin am Zentrum für Rehabilitation des BG Klinikums Hamburg und langjähriges Vorstandsmitglied bei ta.med, einem gemeinnützigen Verein für Tanzmedizin.

Als ich 2006 eine Gesundheitspartnerschaft zwischen dem Staatsballett Berlin und der Charité unter dem damaligen Dekan Martin Paul und der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit etablierte, betraten wir Neuland: ein Labor „Tanzmedizin“, von Schlafstudien über einen Ruheraum bis zu einem Netzwerk aus Orthopäden und Psychologen, das mit der Nähe zur Spitzensportmedizin Standards setzte. Bis heute ist Univ.-Prof. Bernd Wolfarth, Sportmediziner der Charité und Betreuer von Olympiakadern, ein zentraler Ansprechpartner: „Am häufigsten sehen wir Überlastungsverletzungen an Fuß, Sprunggelenk, Knie und Rücken sowie Sehnen- und Muskelbeschwerden. Erschwerend kommt hinzu, dass Tänzerinnen und Tänzer ihre Höchstleistung unter außergewöhnlich hohen Anforderungen an Präzision, Ästhetik und Wiederholungszahl erbringen“, sagt er.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Das Health Department des Staatsballetts Berlin als Erfolgsmodell

Im Laufe der Jahre konnte ich diese Partnerschaft zum „Health Department“ des Staatsballetts Berlin ausbauen. Neben Physiotherapeuten, die tagsüber und während der Abendvorstellungen die Tänzer betreuen, arbeiten dort freie Mitarbeiter:innen, die selbst einmal Tänzer:innen waren, die die Belastungen kennen und die Sprache der Bühne sprechen. So wurde das Staatsballett Berlin schon früh zum Vergleichsmaßstab und gilt bis heute als Erfolgsmodell. Was zu meiner Zeit durch die „Freunde und Förderer“ finanziert wurde, ist heute unter Intendant Christian Spuck fest im Budget verankert – ein wichtiger Schritt zur Institutionalisierung.

„Das Bewusstsein für die Anzahl und Art der Verletzungen, die Tänzerinnen erleiden, hat sich in den vergangenen zehn Jahren spürbar verändert – in der Prävention muss jedoch noch bewusster gehandelt und investiert werden. Wie können wir im Probenalltag und im künstlerischen Prozess unnötige Verletzungen und den damit verbundenen psychischen Stress vermeiden oder zumindest reduzieren? Da stoßen wir noch immer auf Hürden“, so Anneli Chasemore vom Health Department beim Staatsballett Berlin.

Mentale Belastung und psychische Gesundheit

Besonders deutlich wurde mir beim Aufbau des Health Departments, welch mentaler Druck auf den Tänzerinnen und Tänzern lastet: der Zwang zur Perfektion, die ständige Bewertung durch Publikum, Leitung und Kollegium, die Angst vor Verletzungen oder Rollenverlust – all das hinterlässt Spuren in der psychischen Gesundheit. Körperliche Stabilität, mentale Verfassung, Ernährung, Prävention und Rehabilitation bilden ein Feld, das Leitungsteams nicht länger als unvermeidliches Berufsrisiko abtun dürfen, sondern als Aufgabe professioneller Fürsorge begreifen müssen. Das hat mich bereits vor zwanzig Jahren bewogen, erst die „Gesundheitspartnerschaft“, dann „PreVance“ (2010), was 2016 zum Health Department wurde, aufzugleisen – überzeugt, dass Tänzer in ihrer kurzen Karriere ihr bestmögliches Potenzial entfalten können müssen.

„Wir sehen immer wieder Tänzer, die erst kommen, wenn der Druck kaum noch auszuhalten ist – Prävention muss viel früher ansetzen“, heißt es aus Kreisen des Präventionsnetzwerks CENIT e.V.

Wenn der Körper nicht mehr mitmacht – die blinde Stelle der Absicherung

Hinter den künstlerischen Erfolgen verbirgt sich eine ungelöste soziale Frage: Die Versicherer – in Berlin die Unfallkasse, andernorts die Berufsgenossenschaften – sind unverzichtbare Partner, zugleich Entscheidungsträger bei der Anerkennung von Berufskrankheiten. Doch hier klafft eine Lücke: Die Anerkennung einer Berufsunfähigkeit im Bühnentanz ist annähernd aussichtslos, mit mitunter dramatischen sozialen Folgen für die Betroffenen.

„Eine spezifische Berufskrankheit für den Bühnentanz fehlt bislang – zum Beispiel in Folge der langjährigen Belastung. Die vorhandenen Berufskrankheiten aus anderen Berufsgruppen erfassen nicht die tanzspezifischen Belastungen im vollen Umfang. Die Tänzer spüren, wenn ihre Körper nicht mehr mitmachen und dass dies aus der langjährigen Belastung resultiert“, so Katy Völker von der Unfallkasse Berlin.

Rehabilitation: Kompetenzzentren für Tänzer

Die Rehabilitation nach Unfällen ist inzwischen besser aufgestellt: Mit dem BG Klinikum Hamburg und Medicos auf Schalke gibt es Kompetenzzentren, die Tänzer gezielt betreuen. Pionierin dieser Entwicklung ist Dr. Elisabeth Exner-Grave, Mitgründerin von Tanzmedizin (ta.med) Deutschland e.V. In Berlin hingegen fehlt ein vergleichbares Zentrum – bemerkenswert in einer Kulturhauptstadt, in der der Tanz vom Friedrichstadt-Palast über das Staatsballett bis zur freien Szene zahlreichen Tänzern Bühnen bietet. Prof. Georg Osterhoff, Ärztlicher Direktor am BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin und Professor für Traumatologie an der Charité: „Gute Prävention ist für die Versicherten und die Kostenträger immer besser als die Notwendigkeit einer Behandlung. Aber wenn eine Verletzung eingetreten ist, ist es gerade bei Tänzern essenziell, diese mit geeigneten Mitteln zu rehabilitieren.“

„Wir wissen, was gute Rehabilitation für Tänzer leisten kann – jetzt braucht es den politischen Willen, solche Strukturen auch in Berlin aufzubauen“, sagt Dr. Exner-Grave.

Prävention statt Spätfolgen – was sich jetzt ändern muss

Noch gravierender als die Lücken in der Rehabilitation sind die Defizite in der Prävention. Sie muss in den Ensembles selbst verankert werden, bei Ballettmeister:innen und Ballettdirektor:innen sowie in der Ausbildung. Hier ist ein Umdenken vonnöten: Fortbildungen und klare Standards sind unerlässlich, um Überbelastungen frühzeitig zu erkennen. Viele deutsche Ballettkompanien müssen diesen Schritt noch vollziehen – ein Blick nach England zeigt, wie systematisch verankerte Tanzmedizin den Alltag verändern und Prävention zur Voraussetzung guter Kunst werden kann.

Einen Meilenstein setzte 1997 die Gründung von ta.med – Tanzmedizin Deutschland e.V. Mit ihr erhielt der Tanz endlich eine Stimme in der Medizin. Der gemeinnützige Verein verbindet Tänzer, Pädagogen, Choreografen, Ärzte, Therapeuten und Tanzwissenschaftler und bietet Ausbildung, Beratung und Vernetzung durch Kongresse. Jüngst trafen sich im Rahmen der Tanztriennale Expert:innen zum 2. Interdisziplinären Hamburger Tanzmedizin-Symposium, um erneut die Notwendigkeit besserer Prävention zu betonen.

Prof. Herbert Schuster, Internist und Genetiker, brachte es auf den Punkt: „Prävention ist das Stiefkind unseres Gesundheitssystems – obwohl sie sein größter Hebel wäre. Sie ist ethisch und ökonomisch die klügste Säule unseres Gesundheitswesens und wird dennoch sträflich vernachlässigt. Medizinische Fachgesellschaften und Vereine wie ta.med sind deshalb unverzichtbar. Sie sind Plattformen für kollegialen Austausch und Innovationsmotoren zugleich. Genau mit diesem Anliegen habe ich den CENIT e.V. zur Förderung der präventiven Tanzmedizin mitgegründet, damit Tänzerinnen und Tänzer die gleiche fachärztliche Betreuung erhalten, die im Spitzensport selbstverständlich ist.“

Gesund im und durch Tanz zu sein, ist längst keine reine Privatsache der Tänzer mehr, sondern nur im gemeinsamen Handeln aller Beteiligten zu erreichen: Tänzer, Arbeitgeber, Ballettmeister, Choreografen, Mediziner, Therapeuten, Psychologen und Versicherungen müssen Hand in Hand arbeiten. Erst wenn Problemfelder klar benannt, Wissen gebündelt und Strukturen angepasst werden, kann sich etwas bewegen – dann wird der Tänzerkörper nicht nur auf der Bühne bewundert, sondern auch jenseits des Rampenlichts ernst genommen als das, was er ist: ein Hochleistungsinstrument, das besondere medizinische Aufmerksamkeit verdient.