Wilhelmstein: Die kleinste bewohnte Insel Deutschlands
Mitten im Steinhuder Meer in Niedersachsen erhebt sich eine Festung aus dem Wasser: Wilhelmstein. Sie gilt als die kleinste bewohnte Insel Deutschlands. Erbaut wurde sie im 18. Jahrhundert von Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe, der sein nur 340 Quadratkilometer großes Reich schützen wollte. Heute ist die Insel eine der Hauptattraktionen des größten Sees in Niedersachsen und hat eine bewegte Geschichte.
Der Bau der Festung
Im Jahr 1761 ruderte Graf Wilhelm persönlich hinaus auf das Steinhuder Meer. Seit vier Jahren plante er eine gewaltige Festung mitten im Wasser. An diesem Tag warf er eigenhändig einen Fels ins Meer – der symbolische Grundstein für Wilhelmstein. Vier Jahre lang schafften seine Getreuen Steine und Baumaterial heran. Von 1761 bis 1765 ruderten täglich Mannschaften mit bis zu 1800 Litern Gestein an Bord hinaus. Bei Wind und Wetter entstand so das Fundament. Der Bau dauerte weitere zwei Jahre. 1767 stand die Festung auf einer Hauptinsel, umgeben von 16 künstlichen Eilanden, die später vereint wurden.
Militärische Nutzung und Innovationen
Graf Wilhelm richtete eine Kadettenschule ein. 250 Mann und 50 Kanonen verteidigten die Anlage. Doch der Graf wollte mehr: Auf der Festung begann er zu tüfteln. Er entwickelte Kanonenkugeln mit brennbarer Flüssigkeit und Widerhaken, konstruierte einen Dolch mit Schussfunktion und ein Boot, das sich in vier Teile zerlegen ließ. Mit dem Ingenieur Jakob Chrysostomus Praetorius baute er sogar ein Amphibienfahrzeug. Sein berühmtestes Projekt war der Steinhuder Hecht. Laut Autorin Pia Volk in „Deutschlands schrägste Orte. Ein Fremdenführer für Einheimische“ gilt er als erstes U-Boot der Welt. Die Idee entstand 1760, 1771 begann der Bau eines Modells. Das U-Boot sollte gut 30 Meter lang sein, innen knapp zwei Meter hoch. Ein Modell soll mit acht Mann an Bord zwölf Minuten lang getaucht sein. Viele Aufzeichnungen sind heute verloren, ein vollständiges Boot wurde wohl nie gebaut.
Touristenmagnet Wilhelmstein
Am 10. September 1777 starb Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe. Seine Festung aber steht noch immer im 32 Quadratkilometer großen Steinhuder Meer, das von 420 Quadratkilometern Naturpark umgeben ist. 1867 wurde die Anlage laut offizieller Website als Station für Soldaten aufgegeben. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog Wilhelmstein Besucher an. In normalen Zeiten dauert die Fahrt mit dem Besucherboot rund 30 Minuten. Seit 1900 darf hier geheiratet werden. Heute gibt es ein Hotel, ein Café, einen Souvenirladen und sogar einen kleinen Strand. Bei Führungen erfahren Gäste alles über den Grafen und die bewegte Geschichte der Insel – und sehen den Steinhuder Hecht zumindest als Modell und auf Skizzen.



