Mindestens 17 Lehrkräfte haben seit 2022 eine Grundschule in Berlin-Neukölln verlassen – angeblich wegen des Führungsstils der Rektorin. Mehrere Lehrer und Eltern erheben schwere Vorwürfe: Die Schulleiterin soll Mitarbeiter systematisch schikanieren, demütigen und ausgrenzen. Die Schulaufsicht ist informiert, die Rektorin selbst schweigt zu den Anschuldigungen.
Lehrer berichten von Panikattacken und Unterrichtsverbot
Ein betroffener Lehrer, hier Herr Walter genannt, wacht nachts immer wieder mit Atemnot und Brustdruck auf. Viermal fuhr er in die Notaufnahme, jedes Mal lautete die Diagnose: Panikattacke. „Die Ärztin sagte, das deute auf massiven Stress hin. Der könne mich krank machen“, berichtet der Pädagoge. Seit zweieinhalb Jahren werde er von seiner Schulleiterin gemobbt. „Es sind nicht die großen Vorfälle, sondern ständige kleine Nadelstiche.“ Eine psychologische Behandlung scheut er aus Angst um seine Verbeamtung.
Herr Walter wirft der Schulleiterin vor, ihn drei Monate lang kaum unterrichten gelassen zu haben. „Von 28 Stunden wurde ich nur für drei eingeteilt. 25 Stunden pro Woche musste ich im Lehrerzimmer sitzen.“ Auch für Vertretungen sei er nicht eingesetzt worden. Kollegen bestätigen dies. „Ich fand das ganz schlimm, mitanzusehen, wie er immer im Lehrerzimmer saß und nicht unterrichten durfte“, sagt eine Kollegin.
Systematische Ausgrenzung und Machtmissbrauch
Die Konflikte begannen, als Herr Walter eine schwierige Klasse übernahm. Die Schulleiterin habe nicht gewollt, dass er den Eltern das tatsächliche Lernniveau der Kinder offenlegt. „Feedbackgespräche sind keine Lernstandserhebungsgespräche“, soll sie gesagt haben – obwohl das Schulgesetz die Information der Eltern vorschreibt. Auch Diskussionen über didaktische Methoden seien unterdrückt worden. „Bei uns durfte überhaupt nichts hinterfragt werden“, sagt eine ehemalige Lehrkraft.
Die Schulleiterin soll zudem Lehrer aus E-Mail-Verteilern entfernt, in Konferenzen ignoriert und vor anderen lächerlich gemacht haben. „Sie greift einen verbal an, lässt einen nicht ausreden, nur ihre Meinung wird geduldet“, heißt es in einer Elternbeschwerde von 2025. Eine Lehrerin berichtet, sie sei per Lautsprecher so wütend ausgerufen worden, dass Kinder sie fragten, ob ihr gekündigt worden sei.
17 Lehrkräfte haben die Schule verlassen
Nach Recherchen des Tagesspiegels sollen seit 2022 insgesamt 17 Lehrkräfte die Schule aufgrund der Konflikte verlassen haben. Drei davon ließen sich vorzeitig pensionieren. Eine ehemalige Vertrauenslehrkraft erstellte eine Liste mit allen Namen. Allein im Schuljahr 2023 stellten neun Lehrkräfte gleichzeitig einen Wechselantrag. Die Schulaufsicht lehnte zunächst ab, stimmte später aber allen Anträgen zu, da niemand zum Bleiben zu bewegen war. „Ich hätte den Schuldienst sonst ganz verlassen“, sagt eine ehemalige Lehrerin.
Das Kollegium ist gespalten: Etwa ein Drittel hält zur Schulleiterin, ein Drittel versucht, neutral zu bleiben, ein weiteres Drittel ist in Ungnade gefallen oder wird gezielt gemobbt. Mittlerweile besteht ein erheblicher Teil des Kollegiums aus Referendaren und befristet Angestellten, die auf positive Bewertungen der Rektorin angewiesen sind – ein Abhängigkeitsverhältnis, das Mobbing begünstigt.
Eltern besorgt um Unterrichtsqualität
Die Schule im Süden Neuköllns war einst beliebt. Eltern berichten, dass sie heute anderen von einer Anmeldung abraten. „Es sind immer die Guten, die gehen – die mit abgeschlossener Ausbildung und Berufserfahrung“, sagt eine Mutter. Ein Vater rechnet vor: „Gut die Hälfte des Kollegiums wurde in den letzten Jahren ausgetauscht.“ Die Eltern sorgen sich um die Unterrichtsqualität: „Wir haben große Bedenken, wie unsere Kinder auf der Oberschule zurechtkommen.“
Eine besondere Episode: Ein bei Kindern beliebter Lehrer mit dunkler Hautfarbe soll von der Schulleiterin als „Kollege aus dem Kongo“ bezeichnet worden sein, obwohl er nichts mit dem Land zu tun hat. Zudem erhielt er eine Tasse mit der Aufschrift „Fehlt nur noch das Zelt, dann ist der ZIRKUS komplett!“ – ein Geschenk, das ihn schwer traf.
Schulleiterin schweigt – Schulaufsicht prüft
Die Schulleiterin reagierte nicht auf eine Anfrage des Tagesspiegels. Die Bildungsverwaltung teilte mit, dass über die geschilderten Themen ein Austausch zwischen Schulaufsicht und Beteiligten bestehe, äußerte sich aber nicht zu Personalangelegenheiten. Herr Walter hat sich an die neue Beschwerdestelle der Bildungsverwaltung gewandt, erhielt jedoch die Auskunft, dass diese nur für Diskriminierungsfälle zuständig sei – Mobbing falle nicht darunter. Ihm wurde geraten, einen Anwalt zu nehmen.
Zuletzt versuchte die Schulleiterin, Herrn Walters Verbeamtung durch eine schlechte Beurteilung zu verhindern. Der Personalrat forderte konkrete Beispiele für eine „Nichteignung als Beamter“. Daraufhin soll die Rektorin versucht haben, eine Kollegin zu negativen Aussagen zu bewegen – was diese ablehnte. Herr Walter legte zahlreiche positive Stellungnahmen von Eltern und Kollegen vor. Das Verfahren läuft noch.
Suspendierung und drohendes Disziplinarverfahren
In einer Sitzung nach Pfingsten behauptete die Schulleiterin, einen Brief von Schülern erhalten zu haben, in dem Herr Walter beschuldigt werde, Kinder an den Haaren gezogen und Nacken- und Rückenschläge verteilt zu haben. Den Brief zeigte sie nicht vor. „Sie will mich fertig machen“, sagt Herr Walter. Eine Mutter beschreibt ihn als „tiefenentspannt“ und kann sich die Vorwürfe nicht vorstellen. Ein Vater kommentiert: „Diese Schule ist wie ‚House of Cards‘, ein Haus der Intrigen.“ Inzwischen wurde Herr Walter suspendiert. Ein Gespräch mit der Schulaufsicht steht an.
Die Rektorin ist als Beamtin nahezu unkündbar. Selbst bei einem Disziplinarverfahren drohen zunächst nur Verweis oder Geldbuße. Eine Versetzung wäre möglich, doch sie wechselte bereits vor vier Jahren die Schule. Das System des Beamtentums offenbart hier ein Dilemma: Während befristet angestellte Lehrer leicht gehen müssen, kann eine Vorgesetzte trotz schwerer Vorwürfe im Amt bleiben.



