Nachruf auf Magdalena Yagode Queutre: Ihr sanftes „Mhm“, ihr Kopfnicken
Sie bat darum, aufs Gymnasium versetzt zu werden. An der Waldorfschule fühlte sie sich unterfordert. Von Tatjana Wulfert
Einerseits und andererseits. Hier und da. Ich und du. Zusammen und allein. Leben und Tod. Die Zwei ist die erste gerade Zahl, die einzige gerade Primzahl, nur durch Eins und durch sich selbst teilbar, was Eins ergibt. Sie ist die Spiegelung, die Ergänzung, das ewige Pendeln zwischen Vereinigung und Trennung.
Zwei Schwestern. Charlotte und Magdalena. Lotta ist eineinhalb, als Leni geboren wird. Sie wartet zu Hause. Dann endlich kommt die Mutter mit der neuen kleinen Schwester. Bestimmt wird Lotta auf die Mutter zurennen, um sich nach den drei Tagen Trennung in ihre Arme zu stürzen. Lotta läuft jedoch entschlossen und stumm ins Kinderzimmer und holt eine lange, aus hellen Steinen geknüpfte Kette, die eigentlich keine Kinderkette ist. Sie legt Leni diese Kette mit großer Ernsthaftigkeit um den Hals.
Als die Schwestern drei und vier sind, nimmt die Mutter sie ab und an mit ins Studienseminar, setzt sie in eine Ecke und gibt ihnen Spielzeug, 90 Minuten lang hört man nichts mehr von ihnen, sie sind vollkommen versunken in ihrer Kinderwelt. Manchmal nuscheln sie auch nur gründlich. Sie spielen später auch mit den Eltern, „Tabu“ etwa, Begriffe müssen erklärt werden, ohne dabei bestimmte verbotene Wörter zu verwenden. Aber die Eltern haben nicht die geringste Chance gegen die Töchter, denn Lotta und Leni verfügen über eine Privatsprache, die sich aus Zitaten ihrer Lieblingsserien, aus selbst erfundenen Worten zusammensetzt. Manchmal nuscheln sie auch nur gründlich. Ausschluss mittels Sprache.
Doch bleiben sie in ihrer Einheit stets zwei. Lotta ist rebellisch, Leni nicht. Ihr fehlt die Ellbogenmentalität. Später, sie arbeitet längst an der Ernst-Reuter-Schule in Mitte, unterschätzen die Leute sie manchmal, denken: Ach, die liebe Referendarin. Und ja, sie ist weich und freundlich mit ihrem dunklen Haar und den braunen Augen, aber sie kann auch direkt werden, sich wehren, besitzt einen analytischen Verstand und scharfen Witz, bis hin zum Sarkasmus.
Die ersten Jahre besuchen die Schwestern gemeinsam eine Waldorfschule. Es kommt vor, dass ein Lehrer zu Hause anruft, um sich über die beiden zu beschweren, die Eltern jedoch nicht erreicht und auf den Anrufbeantworter spricht. Lotta und Leni finden die Information und löschen sie kurzerhand.
In der sechsten Klasse schert Leni aus und bittet darum, auf ein reguläres Gymnasium wechseln zu können, sie fühlt sich an der Waldorfschule unterfordert.
Nach dem Abi verknüpfen sich Lottas und Lenis Wege wieder stärker miteinander. Es gibt einen Onkel Hans, der viele Jahre durch Lateinamerika gereist ist, dessen Reisefotos und Reiseerzählungen eine tiefe Sehnsucht in den Mädchen erzeugt hat. Zuerst bricht Lotta auf, nach Mexiko. Leni folgt ihr, landet allerdings 3000 Kilometer weiter südlich, in Costa Rica. Sie unterrichtet Kinder im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres in einem Dorf zwischen Kaffeeplantagen, Lotta besucht sie dort. Und dann lockt Berlin.
Im Anschluss beginnt Leni Vergleichende Religionswissenschaften zu studieren, begreift aber schnell, dass ihr das alles viel zu theoretisch ist, bricht ab und entscheidet sich für ein Lehramtsstudium, Spanisch, na klar, und Englisch. Ihre Uni in Paderborn unterhält eine Partnerschaft mit der Universität in Santiago de Chile. Also los. Lotta hat inzwischen einen Mexikaner kennengelernt, Leni kehrt am Ende des Studiums mit einem Chilenen zurück nach Deutschland. Mit Christián Yagode Queutre.
Und dann lockt Berlin. Nach Berlin geht Leni ohne ihre Schwester.
Die Ernst-Reuter-Schule gilt vielen als Brennpunktschule. Sie liegt an einer Grenze, einer ehemals tatsächlichen Grenze, wo West- auf Ost-Berlin stieß, einer jetzt sozialen Grenze, auf der einen Seite Mitte mit den Mitteleuten und Mittecafés; auf der anderen Seite Wedding. Gegenwelten, die nicht zu einem Ganzen werden.
Leni ist hier Magda, von Magdalena, ihrem zweiten Namen. Sie mag ihre Schüler wirklich. Vor allem die Mädchen vertrauen ihr. Pubertierende, freche Mädchen, die ihr Dinge erzählen, die mit Schule relativ wenig zu tun haben: in wen sie, glücklich oder unglücklich, verliebt sind. Welchen Rock, welche Ohrringe sie sich gekauft haben. Magda selbst interessiert sich nur mäßig für Modetrends, aber zu den Prüfungen zieht sie sich immer ein hübsches Kleid an, die Schüler verstehen diese Geste des Respekts. Sie sieht, wenn es jemandem schlecht geht. Sie besitzt diese Gabe, sofort die Stimmung in einem Raum zu erfassen. Sie hört zu, hört, in einem tieferen Sinn, was ihr jemand erzählt, ihr sanftes „Mhm“, ihr Kopfnicken, was die anderen wiederum zum Weitersprechen bringt. Andererseits bleibt sie im Kreis der Kollegen eher diskret. Sie hat viele Freunde, die sie am liebsten einzeln trifft.
Sie übernimmt zusammen mit einer anderen Lehrerin die Leitung einer Klasse. Das Pensum ist hoch: Unterricht vorbereiten, Arbeiten korrigieren, sich schwierigen Schülern zuwenden, Exkursionen vorbereiten. Sie versteht, mehr vielleicht als andere, dass die Schüler Spaß haben wollen, Spaß und Bildung schließen sich keineswegs für sie aus. In der Abendsonne sitzen, plaudern, lachen, essen. „Nimmst du noch ein Glas Wein, Magda?“, fragt eine Freundin – „Aber ja.“
Sie hat keine Kinder und ist für die pubertierenden, frechen Mädchen wie eine junge, fröhliche Mutter. Sie plant eine Klassenfahrt, sucht den Ort aus, schreibt den Eltern, wie viel das Ganze kosten soll, bucht die Bahntickets jedoch zu spät, die Preise sind inzwischen gestiegen. Aber das kann sie den Familien nicht zumuten. Sie bläst die Reise nicht einfach ab, das käme ihr nie in den Sinn, sondern bezahlt die Differenz aus eigener Tasche.
Am 23. Januar ist „Tag der offenen Tür“, am Abend geht sie noch mit ein paar Kollegen in eine Kneipe, sie klagt über Kopfschmerzen, auf dem Weg nach Hause kippt sie auf der Straße um. Die Ärzte sprechen von einer Anomalie der Blutgefäße. Sie versetzen sie in ein künstliches Koma. Es werde keine bleibenden Schäden geben, sagen sie.
Am 6. Februar schreibt ihre Mutter an die engsten Menschen: „Magda wird sterben.“
Lotta besitzt eine Kette ihrer Großmutter, eine Kette aus Rosenquarzkugeln, die einst viel länger war und die ihre Mutter, nach dem Tod der Großmutter, für ihre Töchter teilte. Lotta legt Leni ihre Hälfte um den Hals.



