Eine aktuelle Studie zu sexuellem Missbrauch durch den verstorbenen Essener Bischof und Kardinal Franz Hengsbach hat neue schwere Vorwürfe ans Licht gebracht. Wie die Forscher der beauftragten Institute bei einem Zwischenbericht in München mitteilten, haben sich 66 Menschen nach einem Interviewaufruf Ende 2024 gemeldet. Insgesamt vier geschilderte Missbrauchsfälle stufen die Wissenschaftler als „gut belegt und plausibel“ ein.
„Klare Hinweise, dass Hengsbach ein Täter war“
„Es gab klare Hinweise, dass Franz Hengsbach ein Täter war“, sagte die Forscherin Helga Dill. Bislang waren lediglich zwei mögliche Übergriffe aus den 1950er- und 1960er-Jahren bekannt. Die neuen Erkenntnisse deuten auf mindestens drei Fälle sexualisierter Gewalt gegen junge Mädchen in den 1950er- bis 1980er-Jahren hin. Zudem gilt ein möglicher Übergriff gegen einen Jungen als „in der Schilderung konsistent“, so die Forscher. Konkret soll Hengsbach Mädchen an die Brust gefasst und eine 16-Jährige zu sexuellen Handlungen gezwungen haben. Einem Firmling soll er Ende der 1960er-Jahre in der Sakristei aufgefordert haben, sich auf seinen Schoß zu setzen und „hin- und herzurutschen“.
Betroffenenvertreter: „Sexualstraftäter ohne Wenn und Aber“
Johannes Norpoth, Sprecher der Betroffenen, äußerte sich deutlich: „Hengsbach war ein Sexualstraftäter – ohne Wenn und Aber.“ Er forderte die Kirche auf, Konsequenzen zu ziehen und Macht in ihren Strukturen zu begrenzen. Der aktuelle Essener Bischof Franz-Josef Overbeck räumte ein: „In mindestens drei Fällen sexualisierter Gewalt gegen junge Frauen ist davon auszugehen, dass sie so stattgefunden haben, wie Betroffene sie schildern.“ Er bedauerte, dass Betroffenen über viele Jahrzehnte nicht geglaubt worden sei. Overbeck gestand zudem eigene Versäumnisse ein: Er habe Informationen aus Paderborn über einen Missbrauch durch Hengsbach, die ihm bereits 2011 vorlagen, jahrelang nicht weitergegeben. „Ich habe den Vorgang unterschätzt, weil ich mir nicht habe vorstellen können, dass ein Bischof zu solchen furchtbaren Taten fähig ist“, sagte er. Dies sei eine Fehleinschätzung gewesen und habe den Aufarbeitungsprozess verzögert.
Destruktiver Machtmissbrauch und Mitwisserschaft
Die Forscher berichten zudem von „destruktivem Machtmissbrauch des Bischofs gegenüber unterstellten Klerikern“. Laut Zeugenaussagen habe Hengsbach mehrfach von sexualisierter Gewalt erfahren, aber abwehrend reagiert und keine Konsequenzen für die Beschuldigten gezogen. Eine mögliche Mitwisserschaft und täterschützendes Verhalten werden in der Fortsetzung der Studie bis zum Herbst 2027 untersucht.
Hengsbachs Nachleben: Denkmal abgebaut, Gedenkort geplant
Der 1988 zum Kardinal berufene Hengsbach galt lange als einer der einflussreichsten katholischen Kleriker der Nachkriegszeit. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe 2023 distanzierte sich die katholische Kirche von ihm. Ein Hengsbach-Denkmal vor dem Essener Dom wurde abgebaut, in der Nähe soll nun ein Gedenkort für Missbrauchsopfer entstehen. Die Studie zeigt, dass die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche noch lange nicht abgeschlossen ist.



