Die radikalen Verwandten des CSD-Attentäters rücken in den Fokus der Ermittler. Nach SPIEGEL-Informationen ist sein Onkel ein ehemaliger Hassprediger, der in der Szene als geistiger Führer galt. Sein Cousin, der IS-Kämpfer Bilal Omar Bakri, wird unter Extremisten als Märtyrer verehrt. Beide haben nach Ansicht der Sicherheitsbehörden maßgeblich zur Radikalisierung des Täters beigetragen.
Der Onkel: Ein radikaler Prediger
Der Onkel des Attentäters, namentlich nicht genannt, stand jahrelang unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Er predigte in einer Moschee in Nordrhein-Westfalen und verbreitete dort eine salafistische Ideologie. Nach einem Predigtverbot im Jahr 2019 setzte er seine Aktivitäten im Untergrund fort. Laut einem Beamten des LKA war er "ein zentrales Bindeglied in der lokalen Extremistenszene".
Ermittler fanden auf dem Computer des Attentäters mehrstündige Aufnahmen der Predigten seines Onkels. In diesen Reden wurde Gewalt gegen Andersgläubige und sogenannte Ungläubige legitimiert. Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob der Onkel direkt an der Planung des Anschlags beteiligt war oder nur als geistiger Brandstifter agierte.
Der Cousin: Ein IS-Idol
Bilal Omar Bakri, der Cousin des Täters, war im Jahr 2020 in Syrien als IS-Kämpfer aktiv. Er starb bei einem Drohnenangriff im Jahr 2023. In sozialen Netzwerken wird er von Anhängern des Islamischen Staates als Märtyrer gefeiert. Sein Bild zirkuliert in einschlägigen Telegram-Gruppen, und sein Name dient als Inspirationsquelle für Nachahmer.
Das Bundeskriminalamt geht davon aus, dass der Attentäter durch die Geschichte seines Cousins motiviert wurde. In einem Chatverlauf, der nach der Tat gesichert wurde, schrieb der Täter: "Mein Cousin hat den richtigen Weg gewählt. Jetzt bin ich an der Reihe." Die Behörden sehen darin einen klaren Hinweis auf eine Radikalisierung im Familienumfeld.
Das familiäre Umfeld
Die Familie des Attentäters stammt ursprünglich aus dem Libanon und lebt seit den 1990er Jahren in Deutschland. Der Vater des Täters soll nach Informationen des SPIEGEL ebenfalls dem salafistischen Milieu nahestehen, gilt aber als weniger radikal. Mehrere Geschwister des Täters werden derzeit von den Ermittlungsbehörden befragt.
Sozialforscher weisen darauf hin, dass eine derartige familiäre Radikalisierung selten, aber nicht neu sei. "Wenn mehrere Familienmitglieder extremistische Ideologien teilen, entsteht ein geschlossenes System, das die Radikalisierung beschleunigt", erklärte ein Extremismusexperte der Universität Tübingen. Die Sicherheitsbehörden räumen ein, dass sie die Radikalität der Familie nicht ausreichend erkannt hätten.
Ermittlungen und Folgen
Die Polizei durchsuchte am Montag mehrere Wohnungen von Verwandten des Attentäters. Dabei stellten sie Datenträger und Schriften sicher. Ein Haftbefehl gegen den Onkel wurde erlassen, er sitzt in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, die Tat moralisch unterstützt zu haben.
Die Bluttaten beim Christopher Street Day in Münster fordern weiterhin die Sicherheitsbehörden heraus. In ersten Analysen zeigte sich, dass der Attentäter mehrfach in der Vergangenheit wegen kleinerer Delikte aufgefallen war, aber nicht als Gefährder eingestuft wurde. Nun wird über verschärfte Maßnahmen zur Überwachung radikalisierter Familien debattiert. Die Politik prüft, ob das Instrument der Gefährderansprache besser genutzt werden kann.
Der Fall zeigt erneut, wie schwierig es für die Behörden ist, Radikalisierung in familiären Netzwerken frühzeitig zu erkennen. Experten fordern mehr Ressourcen für die Deradikalisierungsarbeit und einen besseren Austausch zwischen Landeskriminalämtern.



