ICE-Einsatz in Houston: Zeugen widersprechen Behördenversion
Zeugen widersprechen ICE-Darstellung nach Tod eines Mexikaners

Nach dem Tod eines Mexikaners bei einem umstrittenen Einsatz der US-Migrationsbehörde ICE in Houston mehren sich Zweifel an der offiziellen Darstellung. Drei Augenzeugen, die sich zum Zeitpunkt des Vorfalls im Fahrzeug des Getöteten befanden, schildern einen anderen Ablauf als die Einsatzkräfte. Der Fall wirft erneut Fragen nach dem Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde auf.

Vorfall am Dienstag in Houston

Am Dienstag war Lorenzo Salgado Araujo bei einer gezielten Fahndungsaktion der ICE in Houston erschossen worden. Nach Angaben des US-Heimatschutzministeriums soll sich der Mexikaner den Anweisungen der Beamten widersetzt, ein Einsatzfahrzeug gerammt und anschließend versucht haben, einen ICE-Mitarbeiter mit seinem Auto zu erfassen. Daraufhin habe ein Beamter in Notwehr geschossen. Der 46-Jährige erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Die Behördenangaben lassen sich bislang nicht unabhängig überprüfen. Die „Washington Post“ berichtet jedoch unter Berufung auf drei Zeugen, die mit Salgado im Auto gewesen waren, von einem anderen Ablauf. Darunter ist auch ein Bruder des Getöteten. Demnach habe der ICE-Mitarbeiter fast unmittelbar nach dem Aussteigen geschossen. Salgado habe mit dem Auto zu keinem Zeitpunkt in Richtung des Schützen ausgeschert.

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Zeugenaussagen stellen Behördenversion in Frage

Ein schriftliches Statement eines der Zeugen, das der „Washington Post“ vorliegt, bezeichnet die Darstellung, Salgado habe seinen Wagen als Waffe eingesetzt, als „Lüge“. Weder vor noch hinter dem Fahrzeug hätten sich Einsatzkräfte befunden. Die Zeugen, die sich seit mehr als zwei Jahrzehnten ohne Papiere in den USA aufhalten und nicht vorbestraft sind, befinden sich seit dem Vorfall in Haft und müssen mit einer Abschiebung rechnen.

Laut den Zeugen sei der Wagen der Einsatzkräfte nicht gekennzeichnet gewesen, habe sie verfolgt, beschleunigt und dann vor ihnen eingeschert. Salgado habe gebremst und gewendet. Erst dann hätten die Einsatzkräfte das Blaulicht eingeschaltet. Schließlich hätten mehrere Einsatzfahrzeuge das Auto eingekesselt. Ein ICE-Mitarbeiter sei aus einem Wagen gesprungen, habe „Stopp!“ gerufen und von der Beifahrerseite auf das Auto geschossen.

Bruder des Getöteten berichtet

Victor Salgado, der Bruder des Getöteten, saß auf dem Beifahrersitz und erinnert sich: „Als er auf meinen Bruder geschossen hat, hielt er mir die Waffe direkt vor das Gesicht.“ Die Einsatzkräfte hätten Salgado aus dem Auto gezogen und ihm Handschellen angelegt. Die drei Zeugen hätten hilflos mit ansehen müssen, wie er immer weiter ausblutete.

Der Sohn des Getöteten, Ronaldo Salgado, äußerte sich ebenfalls. Sein Vater habe kurz vor dem Erhalt einer Arbeitserlaubnis gestanden und sei ein Familienmensch gewesen, der seit 35 Jahren Häuser gebaut habe, um seinen drei Söhnen ein Studium und seinen Arbeitern „den amerikanischen Traum“ zu ermöglichen. „Mein Vater hat das nicht verdient“, sagte er auf einer Pressekonferenz. Salgado habe genau gewusst, wie er sich bei einer Kontrolle verhalten müsse. Hätten sich die Beamten eindeutig zu erkennen gegeben, hätte er angehalten und kooperiert.

Forderungen nach Aufklärung

Der tödliche Vorfall ereignete sich inmitten eines verschärften Vorgehens der US-Behörden gegen Migranten. Die Kongressabgeordnete Sylvia Garcia forderte eine „vollständige und unparteiische Untersuchung“. Roman Palomares von der Bürgerrechtsorganisation LULAC schloss sich an: „Wir haben ein Muster von ICE-Beteiligungen an Schießereien und exzessiver Gewaltanwendung gesehen.“ Der demokratische Abgeordnete Al Green verlangte die Veröffentlichung der Bodycam-Aufnahmen, um einen möglichen Vertuschungsversuch auszuschließen.

Die Bundespolizei FBI soll die Ermittlungen leiten. Das Heimatschutzministerium hat interne Ermittlungen eingeleitet. Mexiko kündigte rechtliche Schritte an. Außenminister Roberto Velasco sprach von einer „schmerzhaften Tragödie“ und forderte eine lückenlose Aufklärung. Bislang seien drei mexikanische Migranten bei Abschieberazzien und 14 weitere in Haftzentren ums Leben gekommen. Mexiko plant, strafrechtliche Anzeigen zu erstatten und private Unternehmen zu verklagen, die die Haftzentren betreiben.

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