Eine Mutter mit einem sonderpädagogisch geförderten Kind zögert, den Behinderungsgrad zu beantragen – aus Angst vor einer möglichen AfD-Regierung. Ihr Kolumnist Marco Fechner rät: „Wenn Eltern solche Fragen stellen, ist es schon fünf nach zwölf.“
Die Sorge der Mutter
Vor kurzem hatte Marco Fechner ein langes und sehr ernstes Gespräch mit einer Freundin. Ihr Kind wird in der Schule sonderpädagogisch unterstützt. Kurz vor dem Ende des Schuljahres hat ihr die Schule empfohlen, für ihr Kind die Anerkennung eines Behinderungsgrades zu beantragen. Doch die Mutter zögert. Sie hat Angst vor einer zukünftigen rechtsextremen Regierung, die diese Registrierung missbrauchen könnte – etwa um Menschen mit Behinderungen zu erfassen oder zu diskriminieren.
Die Mutter ist nicht allein mit dieser Sorge. Viele Eltern von Kindern mit Förderbedarf fragen sich, ob sie durch die Beantragung eines Behinderungsgrades ihre Kinder in einer möglicherweise feindseligen politischen Zukunft gefährden. Die Debatte um Datenschutz und die Nutzung staatlicher Register durch extreme Parteien ist in Deutschland neu entflammt.
Der Rat des Experten
Marco Fechner, Kolumnist des Tagesspiegels, hat einen klaren Rat: „Wenn Eltern solche Fragen stellen, ist es schon fünf nach zwölf.“ Er argumentiert, dass die Behörden bereits jetzt zahlreiche Daten über Kinder mit Förderbedarf sammeln – die Schule, das Gesundheitsamt, die Krankenkasse. Ein zusätzlicher Behinderungsgrad ändere daran nichts Wesentliches. Im Gegenteil: Ohne den Bescheid könnten dem Kind wichtige Unterstützungsleistungen entgehen.
Fechner betont, dass die Mutter nicht aus Angst vor einer hypothetischen Zukunft handeln sollte, sondern im Interesse ihres Kindes jetzt. Der Behinderungsgrad öffne Türen zu finanzieller Hilfe, Therapieplätzen und speziellen Schulangeboten. „Die reale Unterstützung von heute wiegt schwerer als die ungewisse Bedrohung von morgen“, so der Experte.
Die politische Dimension
Die Angst vor der AfD ist nicht unbegründet. Die Partei hat in der Vergangenheit wiederholt Positionen vertreten, die als diskriminierend gegenüber Menschen mit Behinderungen gelten. In einigen internen Papieren wird sogar die Abschaffung des Behindertenstatus erwogen. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit einer alleinigen AfD-Regierung nach aktuellen Umfragen gering. Laut neuesten Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen liegt die AfD bundesweit bei etwa 18 Prozent – nicht genug für eine Regierungsmehrheit.
Dennoch: Die Sorge der Mutter spiegelt ein tieferes Misstrauen in den demokratischen Schutzmechanismen wider. Experten für politische Psychologie warnen, dass solche Ängste gezielt von Populisten geschürt werden, um Bürger von der Inanspruchnahme ihrer Rechte abzuhalten.
Die Konsequenzen des Zögerns
Bleibt der Behinderungsgrad unbeanstandet, riskiert das Kind den Zugang zu essenziellen Hilfen. In Deutschland haben etwa 7,9 Millionen Menschen einen anerkannten Schwerbehindertenstatus, davon rund 2 Prozent Kinder. Allein in Berlin warten derzeit über 1.000 Familien auf einen Bescheid – die Bearbeitungszeit beträgt oft Monate. Wer jetzt nicht handelt, könnte später sogar auf der Warteliste nach hinten rutschen.
„Die Mutter sollte ihren Antrag sofort stellen“, empfiehlt Fechner. „Die Behörden sind weder jetzt noch in absehbarer Zukunft in der Hand der AfD. Und selbst wenn – ein Register nützt ihnen nur, wenn es geführt wird. Das ist aber bereits jetzt der Fall.“



