Seit 2013 haben Eltern in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für ihr Kind ab dem ersten Geburtstag. Eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt nun, dass dieser Anspruch das Erwerbs- und Familienverhalten von Müttern und Vätern deutlich verändert hat. Auf zehn neu geschaffene Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren kommen im Schnitt vier Väter, die zusätzlich Elternzeit nehmen. Gleichzeitig verkürzen Mütter ihre Elternzeit und kehren schneller in den Beruf zurück.
Studienmethodik: 94.000 Beobachtungen aus 13 Jahren
Für ihre Untersuchung werteten die Forscherinnen und Forscher aus Wiesbaden rund 94.000 Beobachtungen von Familien mit Kindern zwischen zwölf und 35 Monaten aus der Kinderbetreuungsstudie des Deutschen Jugendinstituts aus. Diese Daten verknüpften sie mit regionalen Angaben zum Ausbau der Kitaplätze für unter Dreijährige, die zwischen 2012 und 2022 erhoben wurden. Die Ergebnisse sind eindeutig: Je mehr Betreuungsplätze eine Region schuf, desto häufiger nahmen Väter Elternzeit – meist für zwei Monate, und zwar dann, wenn das Kind zwischen zwölf und 14 Monate alt war. Genau in dieser Phase wechseln viele Kinder in die Kita.
Mütter verkürzen Elternzeit, Väter reduzieren Arbeitszeit
Während Väter häufiger in Elternzeit gehen, verkürzen Mütter ihre Elternzeit deutlich. Im zweiten und dritten Lebensjahr des Kindes steigt ihre Erwerbstätigkeit spürbar an. Väter hingegen arbeiten häufiger in Teilzeit statt Vollzeit. Die Arbeitszeiten beider Elternteile nähern sich dadurch an, auch wenn Väter im weiteren Verlauf ihre Arbeitszeit nur leicht reduzieren. „Können Eltern sicher planen, dass ihr Kind nach dem ersten Geburtstag betreut wird, lassen sich Elternzeit und Berufsrückkehr besser aufeinander abstimmen“, erklären die Studienautoren. Verlässliche Betreuungsangebote schaffen demnach die Voraussetzung für eine partnerschaftlichere Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit.
Rollenbilder ändern sich nur langsam
Trotz dieser positiven Entwicklungen hat sich die tatsächliche Verteilung der Sorgearbeit innerhalb der Familien bislang kaum verändert. Die Forschenden weisen darauf hin, dass sich Rollenbilder offenbar langsamer wandeln als das Erwerbsverhalten. Auch wenn Väter öfter in Elternzeit gehen und ihre Arbeitszeit anpassen, bleibt die Frage, wer sich um Haushalt und Kinder kümmert, weitgehend unverändert. „Rollenbilder verändern sich nur schleppend“, betont das BiB. Die Studie zeigt jedoch, dass der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz und das Elterngeld als familienpolitische Instrumente wesentlich zusammenwirken und eine partnerschaftlichere Aufteilung fördern können.
Ausbau der Kitaplätze als Schlüssel für Gleichstellung
Der Ausbau der Betreuungsplätze für unter Dreijährige hat in den letzten 13 Jahren deutliche Fortschritte gemacht, doch der Bedarf ist noch nicht gedeckt. Laut einer aktuellen Erhebung fehlen bundesweit rund 300.000 Kitaplätze. Die Studienautoren sehen darin eine wichtige Stellschraube für die Gleichstellung von Müttern und Vätern am Arbeitsmarkt. „Je mehr Betreuungsangebot, desto häufiger nahmen Väter Elternzeit“, so ein zentraler Befund. Gleichzeitig profitierten Mütter von einer schnelleren Rückkehr in den Beruf. Die Politik sei daher gefordert, den Kitaausbau weiter voranzutreiben, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Elternteile zu verbessern.



