Fünf Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal und Umgebung, bei der mindestens 188 Menschen ums Leben kamen, zeigt sich der Hochwasserexperte Holger Schüttrumpf skeptisch, was die Vorbereitung Deutschlands auf ähnliche Extremwetterlagen angeht. „Wenn sich 2021 heute wiederholen würde, wären die Folgen ähnlich“, sagte der Professor für Wasserbau und Wasserwirtschaft der RWTH Aachen dem Tagesspiegel.
Ursachen der Katastrophe: Rekordregen und Infrastrukturversagen
Schüttrumpf zufolge war das Ereignis durch ein extremes Niederschlagsereignis mit mehr als 150 Millimetern Regen in 24 Stunden ausgelöst worden. „Mit diesen gewaltigen Wassermengen waren die Flüsse und die gesamte wasserwirtschaftliche Infrastruktur schlicht überfordert“, erklärte er. Diese Wassermassen hätten außerhalb des Erfahrungshorizonts gelegen, obwohl es historische Ereignisse ähnlicher Größenordnung gegeben habe – etwa 1804 und 1910 im Ahrtal. „Wir neigen zu Hochwasserdemenz, wir vergessen“, so Schüttrumpf.
Fortschritte bei der Frühwarnung, aber Defizite beim baulichen Schutz
Positiv bewertet der Experte die Verbesserungen bei der Frühwarnung. Cell Broadcasting, der jährliche Warntag sowie die breite Einführung von Warn-Apps wie Nina und Katwarn seien direkte Konsequenzen aus der Flut von 2021. „Frühwarnung schützt Menschenleben, weil wir sie rechtzeitig aus gefährdeten Gebieten herausholen können“, sagte Schüttrumpf. Allerdings seien die baulichen Hochwasserschutzmaßnahmen noch nicht weit genug gediehen. In Nordrhein-Westfalen seien die Planungen für Hochwasserrückhaltebecken an Rur, Inde und Erft bereits fortgeschritten, während in Rheinland-Pfalz Planungen für 18 Rückhaltebecken an der Ahr liefen. „Aber entscheidend ist: Kein einziges dieser Becken ist bislang im Bau, weder in Nordrhein-Westfalen noch in Rheinland-Pfalz“, kritisierte Schüttrumpf.
Genehmigungsverfahren als Bremse
Die Langsamkeit bei der Umsetzung führt Schüttrumpf auf die langwierigen Genehmigungsverfahren zurück, die viele Jahre, teilweise Jahrzehnte dauerten. „Wir müssen mit der Realisierung der Schutzmaßnahmen schneller sein als das nächste Hochwasser“, forderte er. Angesichts des Klimawandels dürfe man nicht mehr davon ausgehen, dass ein vergleichbares Ereignis erst in hundert Jahren wiederkehre – es könne in fünfzig, sechzig Jahren oder früher eintreten. Als mahnendes Beispiel nannte er die Elbe, die 2002 und 2013 schwere Hochwasser erlebte, bei denen stets dieselben Gebiete geflutet wurden.
Mangelndes Bewusstsein in anderen Regionen
Der Experte bemängelt, dass außerhalb der direkt betroffenen Gebiete das Bewusstsein für die Gefährdung fehle. „Es gibt 33 Mittelgebirgsregionen in Deutschland, in jeder davon könnte sich ein Ereignis wie 2021 wiederholen“, warnte er. Alle müssten jetzt prüfen, ob sie von 150 Millimetern Niederschlag in 24 Stunden betroffen sein könnten und welche Schutzmaßnahmen nötig seien – von Wasserrückhalt in der Landschaft über Raum für den Fluss bis zum Objektschutz.
Zehn-Milliarden-Paket des Bundes: Nur ein Teil der Lösung
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte kürzlich ein Paket von zehn Milliarden Euro für die Modernisierung des Zivil- und Katastrophenschutzes angekündigt. Schüttrumpf bewertet dies differenziert: „In meiner Arbeit geht es primär darum, dass ein solches Ereignis gar nicht erst in dieser Wucht eintritt. Katastrophenschutz greift, wenn es passiert ist.“ In beiden Bereichen gebe es großen Nachholbedarf. Der Katastrophenschutz sei in den vergangenen Jahrzehnten sträflich vernachlässigt worden.
Forderung: Schnellere Verfahren und politische Priorisierung
Um künftige Katastrophen zu verhindern, fordert Schüttrumpf schnellere Genehmigungsverfahren und eine klare politische Priorisierung. „Jede Maßnahme, die nur auf dem Papier existiert, schützt niemanden. Hochwasserschutz ist Menschenschutz“, betonte er. Gegen einen Wasserstand von zehn Metern, wie er im Ahrtal erreicht wurde, könne man sich nicht schützen, wenn die Infrastruktur fehle. „Wir dürfen nicht Jahrzehnte warten.“



