Die aktuelle Hitzewelle setzt der heimischen Tierwelt massiv zu. Während Menschen schwitzen und sich in kühle Räume zurückziehen, kämpfen Wildtiere teils mit erstaunlichen Strategien ums Überleben. Störche etwa nutzen ihren eigenen Kot als Hitzeschutz für die Beine, Libellen stellen sich auf den Kopf – im wahrsten Sinne des Wortes. Doch nicht alle Arten verfügen über solche Tricks; für viele wird die Hitze zur tödlichen Gefahr.
Drei Fachleute aus Wissenschaft und Tierschutz erläutern, warum hohe Temperaturen für Wildtiere so problematisch sind – und was jeder Einzelne tun kann. Inga Olfen von der Deutschen Wildtierstiftung erklärt: „Fast alle Tiere leiden unter hohen Temperaturen. Sie suchen kühle Orte und Wasserstellen auf, versuchen möglichst wenig Energie zu verbrauchen und verlegen Aktivitäten in die Nacht oder den frühen Morgen."
Amphibien, Jungvögel und Insekten trifft es am härtesten
Dagmar Haase, Stadt- und Landschaftsökologin an der Humboldt-Universität zu Berlin, macht deutlich, dass besonders empfindliche Arten schnell zum Spielball der Temperaturen werden. „Amphibien und Jungvögel sterben am schnellsten durch austrocknende Gewässer und überhitzte Nester", sagt Haase. Zudem litten Insekten massiv unter vertrockneten Böden und einem Mangel an Blütennektar. Die Folgen können bis zum Kollaps ganzer Populationen reichen.
Auch bei Fledermäusen wird die Lage laut Tanja Straka zunehmend bedrohlich. Die Expertin für Naturräume und Wildtiermanagement an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf verweist auf Dachböden, die sich in der Hitze stark aufheizen und in denen die Tiere ihren Nachwuchs aufziehen. Kühlere Rückzugsorte fehlen. „Fledermäuse erfüllen wichtige Ökosystemfunktionen, etwa bei der Schädlingsbekämpfung", betont Straka. Sinkende Bestände könnten langfristig das Gleichgewicht ganzer Ökosysteme kippen lassen.
Maulwürfe und das Problem mit den Regenwürmern
Olfen von der Deutschen Wildtierstiftung ergänzt: „Bei lange anhaltenden Hitzewellen werden immer mal wieder entkräftete oder tote Maulwürfe gefunden." Die Ursache liegt im Boden: Wird er zu trocken und hart, verlieren Maulwürfe an Beweglichkeit. Ihre Hauptnahrung, die Regenwürmer, zieht sich in tiefere Erdschichten zurück – und bleibt für die Tiere unerreichbar.
Haase weist außerdem auf eine indirekte Gefahr der Hitze hin: An den verbleibenden Gewässern drängen sich viele Wildtiere auf engem Raum. „Gedränge an Restgewässern beschleunigt die Ausbreitung tödlicher Viren und Parasiten unter Wildtieren in den Städten", warnt die Ökologin. Das erhöhte Ansteckungsrisiko könne letztlich auch für Menschen zur Gefahr werden – nicht nur durch die Hitze selbst.
Kurios, aber effektiv: Hecheln, Kehlflattern und Kot als Schutzschild
Trotz der widrigen Umstände haben einige Tierarten erstaunliche Kühlungsmechanismen entwickelt. Olfen erklärt den Unterschied zum Menschen: „Wir Menschen schwitzen – mit Fell und Federn und ohne Schweißdrüsen funktioniert das nicht." Füchse und manche Vögel hecheln deshalb, um über Verdunstung Wärme abzugeben. Tauben gehen noch einen Schritt weiter: Sie flattern mit den Kehlkopfmuskeln – das sogenannte Kehlflattern – und sorgen so dafür, dass die feuchten Schleimhäute der Atemwege der Luft ausgesetzt werden und überschüssige Hitze entweicht.
Auch Insekten setzen auf clevere Tricks. „Libellen machen eine Art Handstand und recken ihr Hinterteil nach oben", sagt Olfen. Auf diese Weise minimieren sie die zur Sonne gerichtete Körperoberfläche. Die wohl kreativste Methode haben jedoch Störche: Sie schmieren eigenen Kot auf ihre Beine, um sich vor der Hitze zu schützen.
Wasser, Schatten und Aufmerksamkeit: So kann jeder helfen
Doch nicht nur die Tiere sind gefordert – auch der Mensch kann eingreifen. Olfen rät: „Man kann Wasserschalen aufstellen im Garten oder Balkon, mit Steinen als Landeplätze." Das Wasser solle täglich gewechselt werden, damit sich keine Krankheitserreger ausbreiten. Zudem plädiert sie für eine naturnahe Gestaltung von Gärten und Städten: „Wir brauchen mehr Verdunstungsflächen, mehr Bäume, mehr Wasserflächen."
Tanja Straka ergänzt, wie wichtig es ist, Tiere in Not rechtzeitig zu entdecken: „Wenn Quartiere bekannt sind, sollten diese regelmäßig von außen kontrolliert werden, um hitzegestresste oder geschwächte Tiere frühzeitig zu finden und bei Bedarf in geeignete Wildtierpflegestationen zu bringen." Angesichts weiter zunehmender Hitzewellen im Klimawandel wird diese Unterstützung wohl immer wichtiger werden.



