Flutkatastrophe 2021: Steinmeier mahnt zu mehr Klimaschutz
Steinmeier: Schmerz und Leid nicht vergessen

Mehr als 180 Menschen verloren ihr Leben, etliche standen vor den Trümmern ihrer Existenz: Die Flutkatastrophe vom Juli 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hinterlässt auch fünf Jahre später tiefe Spuren. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gedachte der Opfer und sprach bei einem Besuch im Ahrtal eine eindringliche Mahnung aus: „Dieser Tag ist auch ein Auftrag an uns alle, mit unseren Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass Hochwasserkatastrophen mit den Folgen, wie wir sie hier erlebt haben, sich möglichst nicht wiederholen.“

Gedenken und Ausstellung in Altenahr

Steinmeier eröffnete die Fotoausstellung „We Ahr Strong. Fünf Jahre, ein neuer Blick“ in Altenahr im Kreis Ahrweiler. Die Ausstellung zeigt Porträts von Menschen aus der Region und erzählt, was ihnen in der schweren Zeit geholfen hat, worauf sie stolz sind und welche Zukunftsvisionen sie haben. Der Bundespräsident unterhielt sich mit einigen der Porträtierten und hörte ihre Geschichten. „Ein solcher Jahrestag ist kein einfacher Tag“, sagte Steinmeier. „Man möchte nach vorne schauen, aber gleichzeitig spürt man den Schmerz noch.“ In der Kapelle des Friedhofs in Ahrweiler legte er einen Kranz nieder.

Persönliche Schicksale: „Alles, was ich geliebt habe, ging verloren“

Einer der Porträtierten ist der 89-jährige Eberhard aus Ahrweiler. „Alles, was ich geliebt habe, ging in dieser einen schrecklichen Nacht verloren“, erzählte er. Seine Frau sei ihm in einer Flutwelle aus den Armen gerissen worden. Mittlerweile blickt er mit Zuversicht in die Zukunft: „Mir ist das Leben noch mal geschenkt worden, nach fünf Jahren nach dieser Flut.“ Laura war 13 Jahre alt, als die Flut sie überraschte. Es sei „sehr schlimm“ gewesen, berichtete sie. Erst in den frühen Morgenstunden, als das Wasser zurückging, konnte sie kurz die Augen schließen. Dann hieß es: helfen, anpacken, unterstützen.

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Solidarität und unersetzliche Verluste

„Fünf Jahre später ist der Schmerz und das Leid nicht vergessen“, sagte Steinmeier bei seinem fünften Besuch im Tal. „Aber wenn wir hier sind, dann erinnern wir nicht nur an den Ort einer Katastrophe, sondern auch an einen Ort, der ein beeindruckendes Maß an Solidarität erfahren hat.“ Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder betonte: „Hinter jeder Opferzahl steht das Schicksal eines Menschen und einer Familie.“ Die Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand, die die Flut als Bürgermeisterin miterlebte, sagte: „Manche Verluste sind unersetzlich.“ Die Ausstellung zeige, dass von der Flut mehr geblieben sei als Zerstörung.

Hochwasserschutz: „Wird nicht reichen“

Weigand äußerte sich besorgt über den künftigen Schutz: „Egal, wie viel Schutz wir hier bauen und wie viel Raum wir der Ahr flussaufwärts geben: Es wird nicht reichen, um hier die Investitionen, die Anstrengungen der Menschen ausreichend vor einem neuen hundertjährlichen Hochwasser schützen zu können.“ Sie bat den Bund um Öffnung der Aufbauhilfefonds für Hochwasserrückhaltebecken. Steinmeier meinte, diese Debatte müsse vor Ort und im Land geführt werden.

Bilanz der Katastrophe: 185 Tote, Vermisste, psychische Folgen

Die Flut in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 war eine der verheerendsten Naturkatastrophen in der jüngeren deutschen Geschichte. Nach tagelangem Starkregen verwandelte sich vor allem die Ahr in ihrem engen Tal in eine verheerende Sturzflut. Mindestens 136 Menschen kamen in Rheinland-Pfalz ums Leben, 49 in Nordrhein-Westfalen. Mehrere hundert wurden verletzt. Eine Person aus der Ahr-Region wird bis heute vermisst. Viele Überlebende kämpfen noch mit psychischen Folgen. Die Flut riss Autos, Häuser und Leben mit sich, zerstörte die Infrastruktur weitgehend. Fünf Jahre später ist der Wiederaufbau noch nicht abgeschlossen. Bei Brücken, Schulen, Krankenhäusern und kommunaler Infrastruktur laufen noch zahlreiche Projekte. Die Bahn fährt seit einigen Monaten wieder regulär auf allen Strecken.

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Reformen im Katastrophenschutz

Die tödliche Flut hat Reformen angestoßen, darunter ein Sirenen-Förderprogramm und die Einführung von Cell Broadcast als Warnsystem. Damit können Warnmeldungen direkt an alle Mobiltelefone gesendet werden. In Rheinland-Pfalz entstand unter anderem ein neues Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz. Der frühere Ministerpräsident Alexander Schweitzer, zum Zeitpunkt der Flut Arbeits- und Sozialminister, betonte: „Wer heute im Ahrtal unterwegs ist, sieht die vielen positiven Veränderungen. Sie machen Mut.“ Es gehe nicht nur um den Wiederaufbau von Häusern, Straßen und Brücken, sondern auch darum, dem Tal eine sichere und lebenswerte Zukunft zu geben.

Steinmeier: „Unmissverständliche Warnung“

Bei einer Gedenkstunde im nordrhein-westfälischen Landtag sagte Steinmeier: „Die Flut von 2021 war eine Warnung, eine unmissverständliche.“ Und weiter: „Wir schulden den Menschen, die in jener Nacht alles verloren haben, den ernsthaften, konsequenten Willen, dafür zu sorgen, dass wir auf solche Katastrophen besser vorbereitet sind und dass wir das uns Mögliche tun gegen den fortschreitenden Klimawandel.“ Der Klimaschutz dürfe im Industrieland Deutschland nicht aus den Augen verloren werden. Deutschland müsse sich „besser schützen – mit Warnsystemen, die jeden erreichen, mit einem Hochwasserschutz, der auf diese Verhältnisse eingestellt ist, mit Kommunen, die vorbereitet sind“, so der Bundespräsident. Weder beim Kampf gegen die Ursachen solcher Katastrophen noch beim Bemühen, widerstandsfähiger gegen Hitze, Dürre und Extremwetter zu werden, sei Deutschland bereits „da, wo wir eigentlich sein müssten“.

Lob für Solidarität

Steinmeier lobte auch die „Solidarität in ungeahntem Ausmaß“ der Menschen untereinander nach der Katastrophe. Aus dem ganzen Land seien Menschen gekommen, mit Schaufeln, Eimern, Werkzeug und Kuchen und hätten angepackt, „auch als die Fernsehkameras längst wieder abgezogen waren“. „In der Stunde der Not sind wir ein starkes, solidarisches Land“, sagte Steinmeier. Er dankte zudem den Einsatzkräften von Feuerwehr, Polizei und Rotem Kreuz sowie der Bundeswehr und Hilfsorganisationen.