Steinmännchen als Problem für die alpine Natur
Immer wieder sorgen Trends von Instagram oder TikTok in den Alpen für Ärger. Nun warnen Naturschützer einmal mehr vor den Folgen. Bei Wanderungen durch die Alpen begegnet man ihnen immer wieder: kleine Türme aus aufgeschichteten Steinen, den sogenannten Steinmännchen oder im deutschsprachigen Alpenraum „Stoanmandln“. Für viele sind sie ein schönes Fotomotiv oder ein Zeichen dafür, selbst hier gewesen zu sein. Doch genau dieser Trend macht Naturschützern zunehmend Sorgen.
Denn was früher Bergsteigern und Hirten als Orientierungshilfe im Nebel diente, hat sich inzwischen zu einem Social-Media-Hype entwickelt. An Aussichtspunkten, Gebirgsbächen oder auf Gipfeln stehen inzwischen Dutzende, manchmal sogar Hunderte der kleinen Steinbauten. Für Experten ist das längst kein harmloser Zeitvertreib mehr.
Experten warnen vor ökologischen Folgen
„Einzelne Steinmännchen sind kein Problem“, sagt Sebastian Pilloni, Biologe und Ranger im Naturpark Karwendel – mit einer Fläche von 739 Quadratkilometern das größte Tiroler Schutzgebiet und der größte Naturpark Österreichs. Kritisch werde es jedoch, wenn sie nur aus Spaß oder als Kulisse für ein Selfie errichtet werden.
Steine sind ein wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen. „Das Material, aus dem sie bestehen, ist ein wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen“, erklärt Pilloni. Jeder größere Stein erfülle im Hochgebirge eine ökologische Funktion. Moose und Algen würden auf den Steinen wachsen, unter ihnen fänden Schnecken, Käfer, Spinnen, Amphibien oder kleine Eidechsen Schutz vor Sonne, Wind und Regen. Wird der Stein versetzt, verschwindet dieser Lebensraum.
„Steine sind Habitate“, sagte die Bodenökologin Julia Seeber von der Universität Innsbruck gegenüber der „Tiroler Tageszeitung“. „Ist der Stein weg, verschwindet das Habitat – und das oft für lange Zeit.“ Gleichzeitig werde der darunterliegende Boden der Sonne ausgesetzt. Er trockne aus oder werde bei Regen leichter weggespült. Das empfindliche Mikroklima im Hochgebirge gerate aus dem Gleichgewicht – selbst wenn nur kleine Flächen betroffen seien.
Probleme auch in Südtirol
Probleme mit den Steinmännchen gibt es auch im italienischen Südtirol. Sie seien zwar Teil der alpinen Kultur, dürften aber „nicht zu einem Massenphänomen werden wie die Münzen im Trevi-Brunnen“, betont Carlo Alberto Zanella, Präsident des Südtiroler Alpenvereins (CAI). In Südtirol erinnert sogar ein ganzes Berggebiet an die historischen Steinmarkierungen: die „Steinernen Männer“ im Sarntal. Dort wurden sie bereits vor rund 500 Jahren in Gerichtsakten erwähnt.
Aufklärung statt Verbote
Verbote oder Bußgelder halten die Alpenvereine dennoch für den falschen Weg. Die meisten Wanderer handelten nicht aus Bosheit, sondern aus Unwissenheit. Wer Steine aufschichte, denke meist nicht daran, dass darunter ein empfindliches Ökosystem vorhanden sei. Deshalb setzen Naturschützer auf Aufklärung statt auf Strafen. Wenn Wanderer wüssten, welche Folgen das Versetzen eines einzigen Steins haben könne, würden viele freiwillig darauf verzichten. Manchmal sei Naturschutz ganz einfach: den Stein dort liegen lassen, wo er seit Jahrhunderten liegt.



