Seit Mittwochmorgen rollt der erste „Urbanliner“ durch Berlin. Die gut 50 Meter lange Straßenbahn der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ging feierlich um 9:43 Uhr vom Betriebshof in Weißensee in Betrieb – allerdings mit fünfmonatiger Verspätung. Ursprünglich war die Premiere für Februar geplant, musste aber wegen fehlender Zulassung der Technischen Aufsichtsbehörde (TAB) abgesagt werden. Grund waren fehlerhafte Berechnungen zur Belastung durch die überlange Tram am Alexanderplatz.
Einsatz auf der Linie M4
Die XXL-Straßenbahnen ersetzen auf der Linie M4 zwischen Falkenberg und Hackescher Markt die bisherigen kürzeren Züge. Die Linie M4 zählt mit täglich rund 100.000 Fahrgästen zu den meistfrequentierten der Stadt. „Steigen Sie ein, fahren Sie Urbanliner“, warb Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) bei der Premiere. Die neuen Züge sind gut zehn Meter länger als bisherige Trams und bestehen aus neun Segmenten. Statt Außenspiegeln nutzen sie Kameratechnik. Gut 300 Fahrgäste finden in den Fahrzeugen Platz.
BVG-Chef Hendrik Falk kündigte an, dass noch in diesem Jahr 15 weitere „Urbanliner“ in Betrieb genommen werden, bis 2028 sollen 15 weitere folgen. Insgesamt sollen bis 2030 65 Fahrzeuge dieser Bauart in Berlin unterwegs sein. Die Fahrzeuge stünden technisch für den weltweit modernsten Standard, versicherte Alstom-Vertriebschef Christoph Klaes bei der Premierenfahrt.
Verspätung und Nachbesserungen
Die ursprünglich für Februar geplante Premiere war kurzfristig abgesagt worden, weil die TAB die Zulassung verweigerte. Bei den Berechnungen zur Belastung durch die überlange Straßenbahn im Bereich des Alexanderplatzes hatte es Fehler gegeben. Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) lobte die Aufarbeitung: „Aber wir haben damals schnell eine Videokonferenz einberufen und sind ruhig und ehrlich mit dem Thema umgegangen.“ Am Alexanderplatz wurden nach statischen Nachberechnungen zwei zusätzliche Stützen im U-Bahn-Tunnel eingebaut, um ein höheres rechnerisches Belastungsszenario abzusichern.
Die Redner nutzten den gemeinsam „ausgebügelten“ Fehler für eine positive Bilanz. Die BVG habe im vergangenen Jahr mit 550 Millionen Euro 40 Prozent mehr investiert als im Jahr zuvor, rechnete Falk vor. In diesem Jahr werde sich die Summe auf eine Milliarde Euro erhöhen. Fast im Wochentakt gebe es Eröffnungen von Betriebshöfen oder Spatenstiche. Gerade ist der Neubau des Waisentunnels gestartet, der Unterquerung zwischen den U-Bahn-Linien U5 und U8 unter der Spree. 100 Millionen Euro sind für den Unterwasser-Bau veranschlagt, der bis 2030 abgeschlossen sein soll.
Ausstattung und Fahrgastreaktionen
Die neuen Züge bieten mehr Komfort: ruhigeres Fahren, Klimaanlagen und ein Lichtkonzept mit unterschiedlich warmem Licht tags und nachts. Verschiedenfarbige Leuchtbänder an den Türen und Haltestangen mit „Golfballstruktur“ zum Tasten sollen Orientierung geben. Über Rufknöpfe ist direkter Kontakt zum Fahrpersonal möglich. Sogar Sitznischen für Assistenzhunde sind ausgeschildert. Allerdings fehlen Fahrkartenautomaten – erstmals habe man in der Tram darauf verzichtet, so die BVG. Die meisten Fahrgäste seien ohnehin mit digitalen Tickets oder Deutschlandtickets unterwegs. Analoge Fahrkarten gibt es an der Tramstrecke in Verkaufsstellen. Stempelautomaten sind weiterhin vorhanden und wirken neben der Digitaltechnik wie Vintage-Objekte.
Die ersten Fahrgäste im Premierenzug lobten den barrierefreien Einstieg, den breiten Mittelgang und die Flächen für Rollstühle und Rollatoren. „Allerdings hilft uns das nichts, wenn Straßenbahnhaltestellen wie in Mitte noch immer mitten auf der Straße liegen. Ohne Bahnsteig kommen wir nicht raus“, sagte eine Schulpädagogin, die mit vier Kindern im Rollstuhl und Kolleginnen zufällig eingestiegen war. Eins der größten Probleme für Menschen im Rollstuhl seien die vielen, oft für lange Zeit defekten Fahrstühle in U- und S-Bahnhöfen, sagte sie. Ein älterer Herr testete die niedrigen Sitze und meinte: „Es riecht alles noch neu.“
Fahrzeit und Rekorde
Während Autofahrer sich durch Weißensee und Prenzlauer Berg baustellenbedingt fast eine Dreiviertelstunde Richtung Mitte stauten, erreichte der „Urbanliner“ vom Weißen See kommend den Alexanderplatz in 17 Minuten. Einen Rekord hält die neue Tram allerdings nicht: Die längste Tram der Welt ist nach Angaben des Herstellers die „Škoda ForCity Smart 38“ mit knapp 59 Metern Länge, die in der Metropolregion Rhein-Neckar verkehrt.



