In Berlin zeichnet sich ein politischer Umschwung ab: Rund zweieinhalb Monate vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September liegt die Linke in der aktuellen Umfrage des Berlin-Trends von Infratest dimap im Auftrag des RBB erstmals auf Platz eins. Mit 20 Prozent wäre die Partei stärkste Kraft, gefolgt von den Grünen mit 19 Prozent und der AfD mit 18 Prozent. Die CDU des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner, die bei der Wahl 2023 noch mit 28 Prozent klar vorn lag, fällt auf 17 Prozent zurück, die SPD erreicht 13 Prozent.
Elif Eralp: Von der zweiten Reihe zur Spitzenkandidatin
Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Linken, hat das Ziel klar formuliert: Sie will Wegner ablösen und selbst Chefin im Roten Rathaus werden. „Ich will Berlin bezahlbar machen. Kai Wegner macht genau das Gegenteil“, kritisierte sie beim Linke-Landesparteitag im April. „Und deswegen gehört er abgelöst, und das Rote Rathaus muss endlich wirklich rot werden.“ Die 45-jährige Juristin, die seit 2021 im Abgeordnetenhaus sitzt, war bisher eher als stellvertretende Fraktionsvorsitzende in der zweiten Reihe aktiv. In Debatten fällt sie durch scharfe Angriffe auf die CDU und deutliche Worte zu Rassismus und Mietpolitik auf.
Eralp wurde 1981 in München geboren, wuchs in Dortmund und Hamburg auf und studierte Rechtswissenschaften mit Prädikat. Ihre Eltern, sozialistische Gewerkschafter, flohen aus der Türkei. Schon als Kind ging sie auf Demonstrationen, gründete mit zehn Jahren einen „Umwelt-Club“ und engagierte sich später in der Anti-Atomkraft-Bewegung. Heute lebt sie mit Mann und zwei Kindern in Berlin.
Mögliche Koalitionen und Hindernisse
Rechnerisch möglich wäre ein Bündnis aus Linken, Grünen und SPD, das auf eine Mehrheit käme. Allerdings gibt es innerhalb von SPD und Grünen Skepsis: Manche sehen eine Koalition mit der Linken unter einer linken Regierungschefin kritisch und würden eine Zusammenarbeit mit der CDU bevorzugen. Zudem bereitet die Haltung der Linken zu Israel und Antisemitismus manchen Unbehagen. CDU-Spitzenkandidat Wegner warnte auf dem Bundesparteitag im Februar vor der Linken als „Hauptkonkurrenten“ und bezeichnete sie als „klar antisemitische Partei, die sich immer weiter radikalisiert“.
Eralp zeigte sich zuversichtlich: „Ja, es sind erstmal nur Umfragen. Aber sie zeigen, dass ein anderes, ein sozialeres Berlin möglich ist!“, sagte sie im Landesparlament. Sie kündigte an, die Linke werde im September das beste Ergebnis holen, das die Partei in Berlin je erzielt habe. Berlins Landesvorsitzende Kerstin Wolter ergänzte: „Was glaubt ihr, was hier los ist, wenn wir im September die Bürgermeisterin stellen werden. Dann wird die Republik Kopf stehen.“
Die Umfrage spiegelt das Meinungsbild zum Zeitpunkt der Befragung wider und ist keine Prognose. Dennoch zeigt sie einen deutlichen Trend: Die Linke profitiert offenbar von Unzufriedenheit mit der CDU-geführten Senatspolitik, insbesondere im Bereich Wohnen und Mieten. Ob Eralp tatsächlich ins Rote Rathaus einzieht, wird sich am 20. September entscheiden.



