Die Ukraine steckt in einer tiefen Führungskrise. Präsident Wolodymyr Selenskyj muss nach der faktischen Entlassung des beliebten Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow nun auch über die Zukunft von Armeechef General Oleksandr Syrskyj entscheiden. Hintergrund ist ein Machtkampf im eigenen Militär, der strukturelle Meinungsverschiedenheiten und persönliche Konflikte offenbart.
Konflikt zwischen Fedorow und Syrskyj eskaliert
Die öffentliche Auseinandersetzung nach Fedorows Entlassung, die Straßenproteste in Kiew und anderen Städten auslöste, zeigte mehr als nur den persönlichen Streit zwischen dem 35-jährigen Ex-Minister und dem 60-jährigen Armeechef. Es geht um grundlegende Differenzen zwischen dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab. Ein zentraler Punkt ist das von Fedorow etablierte System der Rüstungseinkäufe, das mithilfe von KI konkrete Daten vom Schlachtfeld analysiert und erfolgreiche Einheiten bevorzugt. Dieses System stieß bei Waffenproduzenten auf Widerstand, die eine "Anti-Fedorow-Koalition" bildeten.
Aus militärischer Sicht hatte der Generalstab legitime Einwände: Das Effektivitätssystem bevorzuge moderne Drohnen gegenüber klassischen Sturmeinheiten, die jedoch unersetzlich blieben. Zudem lasse sich allein aus vergangenen Erfolgen nicht der künftige Bedarf ableiten, insbesondere bei überraschenden Einsätzen.
Persönliche und strukturelle Reibereien
Die Reibereien zwischen Fedorow und Syrskyj haben tiefere Wurzeln. Beide sind nicht an horizontale Führungsstrukturen gewöhnt. Fedorow, der als Digitalminister große Erfolge feierte und seit 2022 für das Drohnenprogramm verantwortlich war, entwickelte einen eigenen "Kriegsplan" und forderte mehr Mitsprache bei strategischen Fragen – Kompetenzen, die traditionell beim Generalstab liegen. Er soll Selenskyj gegenüber klargemacht haben, dass er Syrskyj trotz dessen militärischer Verdienste für ungeeignet in der modernen Kriegsführung hält. Syrskyj wiederum schätzte Fedorows militärische Kompetenz als gering ein.
Der Konflikt wurde durch die Mobilisierungsreform weiter angeheizt, deren Verantwortung zwischen Ministerium und Generalstab hin- und hergeschoben wurde. In Kiew ist zu hören, dass militärische Schlüsselsitzungen zuletzt von prominenten Akteuren gemieden wurden. Minister und Armeechef sollen sich nur noch angeschrien haben, Entscheidungen wurden ohne Selenskyjs Einmischung nicht mehr getroffen.
Selenskyjs schwieriger Balanceakt
Selenskyj trennte sich zunächst von Fedorow, nicht aber von Syrskyj. Die Entscheidung war einfacher, da die Ukraine bereits zuvor während des Krieges Verteidigungsminister ausgewechselt hatte. Syrskyj hingegen, der die Verteidigung Kiews und die Befreiung der Region Charkiw verantwortete, ersetzte Anfang 2024 seinen Vorgesetzten Walerij Saluschnyj. Beide respektierten sich trotz persönlicher Differenzen, sodass keine Gefahr eines Chaos bestand.
Nun soll in Kiew beschlossen sein, dass Syrskyj in naher Zukunft abgelöst wird. Doch die Straßenproteste erschweren die Lage: Die Demonstranten fordern Fedorows Wiedereinsetzung und Syrskyjs sofortige Entlassung. Ein erneuter Wechsel Fedorows ins Verteidigungsministerium ist jedoch politisch fast unmöglich, andere Funktionen lehnt er ab. Selenskyj muss zudem vermeiden, dass Syrskyjs Entlassung als Ergebnis von Straßendruck erscheint – was die Staatlichkeit gefährden könnte.
Machtkampf in den Streitkräften
Die Position des Verteidigungsministers ist politisch: Der Präsident schlägt einen Kandidaten vor, das Parlament stimmt ab. Da die Gründe für Fedorows Entlassung nie öffentlich erläutert wurden, entstand Wut in der Bevölkerung. Die Ernennung des Armeechefs hingegen liegt allein beim Präsidenten. Sollte der Eindruck entstehen, dass Straßenproteste den Befehlshaber ersetzen können, hätte dies gravierende Folgen.
Selenskyj verbringt die letzten Tage mit Gesprächen mit Armee-Kommandeuren, um einen Nachfolger für Syrskyj zu finden. Es gibt jedoch nicht viele Personen vom Kaliber eines Saluschnyj oder Syrskyj. Zudem existieren innerhalb der Streitkräfte mindestens drei bedeutende Gruppen, die keine guten Beziehungen zueinander pflegen. Selenskyj muss daher auch einen Machtkampf im Militär schnell beilegen.



