Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat am Donnerstag in einer Regierungserklärung den Kauf von Tomahawk-Marschflugkörpern aus den USA bekannt gegeben. Damit erhält die Bundeswehr erstmals in ihrer Geschichte eigene Langstreckenwaffen, die strategische Ziele tief im russischen Hinterland treffen könnten. Die Entscheidung fiel am Rande des Nato-Gipfels in Ankara und schließt eine wichtige strategische Lücke in der Verteidigung Deutschlands und Europas.
Hintergrund: Vom Nato-Gipfel zur Raketenmacht
Die USA hatten bereits unter Präsident Joe Biden zugesagt, Tomahawk-Raketen und eine entsprechende US-Einheit vorübergehend in Deutschland zu stationieren. Diese Zusage wurde jedoch von Präsident Donald Trump im Frühjahr zurückgezogen, da die amerikanischen Bestände durch den Iran-Krieg stark dezimiert wurden und die US-Armee zunächst ihre eigenen Vorräte auffüllen muss. Parallel dazu hatte die Bundesregierung bereits im Vorjahr Interesse am Kauf von Tomahawks für die Bundeswehr angemeldet. In internen Plänen des Verteidigungsministeriums ist von bis zu 400 Marschflugkörpern die Rede.
„Wir haben am Rande des Nato-Treffens in Ankara mit der amerikanischen Regierung vereinbart, dass amerikanische Tomahawk-Raketen von uns erworben und in Deutschland stationiert werden“, erklärte Merz. Damit werde eine wichtige strategische Lücke geschlossen. Gleichzeitig kündigte der Kanzler an, an eigenen europäischen Systemen zu arbeiten: „Und wir werden gleichzeitig daran arbeiten, eigene europäische Systeme zu entwickeln und in Europa zu stationieren.“
Technische Fähigkeiten der Tomahawk
Die Tomahawk-Marschflugkörper können je nach Modell zwischen 2000 und 2500 Kilometer weit fliegen – von Deutschland aus reichen sie bis nach Moskau und darüber hinaus. Der Tomahawk ist eine Erstschlagswaffe, die wie ein unbemanntes Einwegflugzeug in niedriger Höhe (30 bis 90 Meter) fliegt und seine Richtung unterwegs ändern kann. Dank eines modernen Navigationssystems ist die Rakete für die Flugabwehr nur schwer zu erkennen.
Die Stationierung dient der Abschreckung: Im Falle eines russischen Angriffs könnte die Bundeswehr mit einem konventionellen Gegenschlag präzise strategische Ziele in Russland zerstören – darunter militärische Kommandozentralen, Flugplätze und Depots. Die Tomahawk übertrifft damit alle in Europa vorhandenen Systeme.
Verteidigungslücke und sicherheitspolitische Zäsur
Bis 2019 waren landgestützte Mittelstreckenwaffen in Europa durch den INF-Rüstungskontrollvertrag verboten. Nachdem Russland das Abkommen gebrochen hatte, kündigte Trump in seiner ersten Amtszeit den Vertrag. Seither hat Russland mit eigenen Raketen wie den atombombenfähigen Iskander-Systemen in Kaliningrad, Kinchal-Raketen auf Kampfjets, dem Marschflugkörper SSC-8 und dem neuen Oreschnik-System aufgerüstet. Zuletzt feuerte Russland Oreschnik-Raketen provozierend gegen Ziele in der Westukraine nahe der polnischen Grenze ab. Sicherheitsexperten sehen dadurch eine Verteidigungslücke in Westeuropa.
Die Stationierung der Tomahawks ist eine Zäsur und erinnert an den Kalten Krieg, als die Nato auf die sowjetischen SS20-Raketen mit der Pershing-Nachrüstung antwortete. Anders als damals handelt es sich jedoch um eine rein konventionelle Antwort auf die russische Aufrüstung. „Jeder Schlag gegen uns wird beantwortet werden – auch konventionell“, betonte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD).
Eigene europäische Entwicklungen
Neben dem Kauf der Tomahawks arbeitet Deutschland an eigenen Abstandswaffen. Innerhalb von fünf bis sieben Jahren soll eine Rakete für Distanzen über 2000 Kilometer entwickelt sein. Das Elsa-Gemeinschaftsprojekt mit Großbritannien, Frankreich, Italien, Polen und Schweden läuft bereits. Als Teilprojekt ist auch der Bau einer deutsch-britischen Abstandswaffe vereinbart, vermutlich ein Hyperschallgleitflugkörper. Am Rande des Nato-Gipfels berieten die Verteidigungsminister der beteiligten Länder über eine Beschleunigung der Projekte.
Merz zog eine positive Bilanz des Nato-Gipfels: „Das Ergebnis übertrifft alle meine Erwartungen. Die Nato ist geschlossen, sie ist stark und sie ist selbstbewusst.“ Die Nato bleibe ein transatlantisches Bündnis, aber Europa müsse mehr Verantwortung übernehmen: „Wir sind auch als Europäer stark und wir haben verstanden, dass wir unsere Sicherheit nicht einfach auslagern können.“
Raketenexperte Fabian Hinz betonte, die Pläne spiegelten das veränderte sicherheitspolitische Selbstverständnis Berlins wider. Abstandswaffen würden nicht nur genauer, sondern auch wichtiger, da moderne Flugabwehrsysteme Russlands und Chinas tiefreichende Präzisionsschläge mit Flugzeugen erschwerten.



