Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Jewhen Chmara, den bisherigen Chef des Inlandsgeheimdienstes SBU, zum neuen Verteidigungsminister ernannt. Chmara soll zunächst übergangsweise amtieren, was laut Selenskyj rein formale Gründe hat. Der Schritt erfolgt nach der umstrittenen Entlassung des beliebten Ministers Mychajlo Fedorow, die in der Ukraine landesweite Proteste ausgelöst hatte.
Hintergrund des Machtkampfs
Der Konflikt zwischen Ex-Verteidigungsminister Fedorow und Armee-Befehlshaber Oleksandr Syrskyj eskalierte in den vergangenen Wochen. Selenskyj erklärte gegenüber Abgeordneten seiner Fraktion, er habe ursprünglich beide entlassen wollen, doch einen Rauswurf von Syrskyj könne er sich nicht leisten. Der General genieße trotz aller Kritik hohes Ansehen in der Armee. Tausende protestierten in mehreren Städten gegen die Entscheidung und forderten auch Syrskyjs Ablösung.
Selenskyj hatte zunächst geplant, Fedorow durch Innenminister Ihor Klymenko zu ersetzen. Doch Klymenko, ein ehemaliger Polizeichef, wäre aufgrund der traditionellen Rivalität zwischen Polizei und Armee vermutlich auf Widerstand gestoßen. Zudem fehlten im Parlament die nötigen Stimmen für seine Kandidatur, sodass Selenskyj sie gar nicht erst einreichte. Klymenko bleibt nun zunächst ohne Amt, obwohl seine Entlassung als Innenminister ursprünglich nicht vorgesehen war.
Chmara: Eine Militärlegende für das Verteidigungsministerium
Jewhen Chmara ist ein ukrainischer Generalmajor und eine Militärlegende. Er war maßgeblich an der sogenannten Deep-Strikes-Kampagne gegen die russische Ölinfrastruktur beteiligt, die in enger Zusammenarbeit zwischen Drohneneinheiten und SBU-Spezialkräften durchgeführt wurde. Diese Operationen, bei denen tief im russischen Hinterland Ziele angegriffen wurden, sind ein zentraler Bestandteil der ukrainischen Strategie. Ex-Verteidigungsminister Fedorow hatte hingegen die Middle-Strikes-Kampagne rund um die Logistik auf der besetzten Krim vorangetrieben.
Selenskyj sagte laut Teilnehmern der Fraktionssitzung, er hätte am liebsten sofort Chmara ernannt, doch die dringend notwendige Reform der Mobilisierung erfordere einen Polizisten wie Klymenko. Nachdem dieser jedoch nicht durchsetzbar war, fiel die Wahl auf Chmara.
Formale Hürden: Nato-Standards und Kriegsrecht
Chmara ist aktiver Generalmajor, doch nach den von der Ukraine übernommenen Nato-Standards muss der Verteidigungsminister eine zivile Person sein. Daher soll er zunächst nur übergangsweise amtieren, bis seine Entlassung aus dem Militärdienst erfolgt ist – ein Prozess, der unter Kriegsrecht juristisch kompliziert ist. Streng genommen müsste das Kabinett Chmara erst zum stellvertretenden Minister machen, eine Position, die ebenfalls Zivilisten vorbehalten ist. Dennoch wird nicht erwartet, dass seine Kandidatur an Formalitäten oder mangelnder Parlamentsunterstützung scheitert.
Chmara begann seine Karriere bei einer Spezialeinheit der Nationalgarde, wechselte vor rund 15 Jahren zum SBU und diente in der Eliteeinheit Alpha. Er nahm an Schlüsselkämpfen um den Flughafen Donezk, der Befreiung der Region Kiew sowie den Kämpfen um Lyssytschansk und Sewerodonezk teil. Im Sommer 2022 war er an der Operation zur Befreiung der Schlangeninsel beteiligt.
Deep Strikes und die Operation „Spinnennetz“
Als Kommandeur der Alpha-Einheit war Chmara gemeinsam mit dem damaligen SBU-Chef Wassyl Maljuk für die Deep Strikes verantwortlich. Im Juni 2026 erlangte die Ukraine mit der Operation „Spinnennetz“ internationale Aufmerksamkeit, bei der zahlreiche russische Militärflugzeuge zerstört wurden. Drohnenpiloten der Einheit Alpha spielten dabei eine prominente Rolle. Seit Januar 2026 fungierte Chmara als Interimschef des SBU.
Chmara genießt bei Armee und Geheimdiensten einen unumstrittenen Ruf. Er versteht die Herausforderungen des modernen Drohnenkriegs auch auf technologischer Ebene und steht in engem Kontakt mit ausländischen Partnern. Offen bleibt, ob er der Arbeit in einem bürokratischen Riesenapparat wie dem Verteidigungsministerium gewachsen ist und ob die Mobilisierungsprobleme gelöst werden können.
Mit der Ernennung Chmaras ist es Selenskyj gelungen, einen Nachfolger zu finden, der schwer zu kritisieren ist. Ob dies die Straßenproteste beruhigt, bleibt abzuwarten. Bei der Armee wird die Personalie voraussichtlich gut ankommen.



