Die Tat und das Versagen der Justiz
Am 27. Juli 2026 erschütterte ein Anschlag den Christopher Street Day (CSD) in Berlin: Ein Mann, Abdul B., steuerte ein Auto in eine Menschenmenge. Es gab mehrere Tote und Verletzte. Doch der Fall wirft eine brisante Frage auf: Hätte die Tat verhindert werden können? Der Extremismusforscher Peter Neumann vom King's College London sagt im Interview mit dem SPIEGEL eindeutig: „Auf jeden Fall.“
Abdul B. war bereits wegen Terrorplanungen verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er einen Anschlag plante. Dennoch blieb er in Freiheit – eine Entscheidung, die Neumann als „fatales Signal“ bezeichnet. „Die Justiz hat hier versagt“, so der Experte. Er verweist auf konkrete Sicherheitslücken: „Die Überwachung war unzureichend, und die Gefährderansprache blieb wirkungslos.“
Die Vorgeschichte des Täters
Abdul B., ein deutscher Staatsbürger mit tunesischen Wurzeln, war den Behörden seit Jahren bekannt. Bereits 2024 wurde er wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Richter sahen die Gefahr, die von ihm ausging, stuften sie aber als nicht akut genug ein, um ihn in Haft zu nehmen. Stattdessen wurde er mit einer elektronischen Fußfessel überwacht und musste sich regelmäßig bei der Polizei melden.
„Das war ein klassischer Fall von ‚Wegschauen‘“, kritisiert Neumann. „Man kannte seine Radikalisierung, aber man hat die Warnungen nicht ernst genug genommen.“ Der Forscher betont, dass es in Deutschland an effektiven Instrumenten fehle, um Gefährder langfristig zu kontrollieren. Die Fußfessel allein reiche nicht aus, um einen entschlossenen Attentäter aufzuhalten.
Die Rolle der Sicherheitsbehörden
Neumann wirft den Sicherheitsbehörden vor, zu spät reagiert zu haben. „Die Polizei hätte Abdul B. viel früher in Präventionsprogramme einbinden müssen“, sagt er. Zudem sei die Kommunikation zwischen den verschiedenen Ämtern mangelhaft gewesen. „Das Bundeskriminalamt wusste Bescheid, das Landeskriminalamt auch, aber die Informationen wurden nicht zusammengeführt.“
Eine interne Untersuchung ergab laut Neumann, dass es insgesamt fünf konkrete Hinweise auf die Gefährlichkeit von Abdul B. gab. „Jeder einzelne wurde ignoriert oder nicht ausreichend geprüft“, so der Experte. „Das ist kein Einzelfall, sondern ein systemisches Problem.“
Die Folgen für die Gesellschaft
Der Anschlag auf den CSD hat tiefe Spuren hinterlassen. Die queere Community fühlt sich erneut angegriffen. „Dieser Anschlag war nicht nur eine Gewalttat, sondern ein Angriff auf die Freiheit und Vielfalt unserer Gesellschaft“, sagt Neumann. Er fordert Konsequenzen: „Die Politik muss jetzt handeln.“
Neumann plädiert für eine Reform des Gefährderrechts. „Wir brauchen schärfere Auflagen für Verurteilte und eine bessere Überwachung. Gleichzeitig müssen die Sicherheitsbehörden besser zusammenarbeiten.“ Er warnt davor, die Tat politisch auszunutzen. „Es geht nicht um pauschale Islamfeindlichkeit, sondern um konkrete Fehler im System.“
Statistiken zeigen, dass die Zahl der islamistischen Gefährder in Deutschland in den letzten Jahren gestiegen ist. Laut dem Bundeskriminalamt gab es 2025 rund 700 Personen, die als „Gefährder“ oder „relevante Person“ eingestuft wurden. Neumann kritisiert, dass die Behörden trotzdem nicht genug Ressourcen für die Überwachung bereitgestellt haben. „Das spart man in falscher Sparsamkeit ein“, so der Forscher.
Ein Aufruf zum Umdenken
Im Interview appelliert Neumann an die Politik, aus dem Fall zu lernen. „Jeder vermeidbare Tod ist einer zu viel“, sagt er. „Wir müssen die Lehren aus diesem Anschlag ziehen, bevor es zu spät ist.“ Er fordert eine unabhängige Kommission, die die Versäumnisse aufarbeitet und Empfehlungen für die Zukunft gibt.
Der Fall Abdul B. wird nun auch juristisch neu bewertet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die zuständigen Richter und Beamten wegen fahrlässiger Tötung. „Das ist richtig“, sagt Neumann, „denn Verantwortung muss auch dort übernommen werden, wo sie hingehört.“
Die Gedenkfeiern zum CSD-Anschlag haben bereits begonnen. Hunderte Menschen versammelten sich am Brandenburger Tor, um der Opfer zu gedenken. Blumen, Kerzen und Regenbogenfahnen schmücken den Ort des Geschehens. Die Botschaft der Demonstranten: „Nie wieder soll so etwas passieren.“ Doch Neumann mahnt: „Nur mit strukturellen Veränderungen wird die Sicherheit wirklich verbessert.“



