Machtkampf in Kiew: Drapatyj wird neuer ukrainischer Armeechef
Drapatyj wird neuer ukrainischer Armeechef

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Generalmajor Mychajlo Drapatyj zum neuen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ernannt. Der 43-Jährige löst Oleksandr Syrskyj ab, der nach wochenlangen Protesten und einem internen Machtkampf entlassen wurde. Mit dieser Personalentscheidung will Selenskyj die tiefste Krise seiner Amtszeit überwinden, die durch den offenen Konflikt zwischen dem Verteidigungsministerium und der Armeeführung sowie Forderungen der Zivilgesellschaft ausgelöst wurde.

Hintergrund der Krise

Den Ausschlag für die Entlassung Syrskyjs gaben wochenlange Demonstrationen auf dem Iwano-Franko-Platz in Kiew. Die Protestierenden forderten die Rückkehr des beliebten Ex-Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow und die Ablösung Syrskyjs. Selenskyj entsprach nur der zweiten Forderung: Fedorow bleibt außen vor, obwohl er mit seiner Rückkehr pokerte. Der Präsident betonte, Fedorow solle eine „würdige neue Position im Bereich der Entwicklung der technologischen Komponente des Staates“ erhalten. Die Gespräche zwischen beiden dauern an; ein Treffen soll rund sechs Stunden gedauert haben.

Syrskyj selbst wird voraussichtlich im militärischen Umfeld bleiben – in einer noch nicht bekannten Position. Ein kompletter Rückzug des kampferfahrensten Generals mitten im Krieg wäre trotz aller Skepsis in einigen Kreisen überraschend.

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Die Wahl auf Drapatyj

Selenskyj hatte ursprünglich mehr als zehn Kandidaten für den Posten des Armeechefs im Blick, darunter fünf Generäle aus einem engeren Favoritenkreis. Letztlich fiel die Entscheidung zwischen Drapatyj und Oleh Apostol, dem 39-jährigen Kommandeur der Luftsturmtruppen. Apostol wäre jedoch der „Syrskyj-Fraktion“ zuzurechnen gewesen, während Drapatyj zu den „jungen Donbass-Generälen“ zählt. Eine dritte Fraktion bilden Vertraute von Syrskyjs Vorgänger Walerij Saluschnyj, der heute Botschafter in London ist. Die Beziehungen zwischen diesen Gruppen sind professionell, aber kompliziert.

Die Ernennung Drapatyjs wird von der Zivilgesellschaft und vielen Militärangehörigen mit Erleichterung aufgenommen. Dennoch birgt sie Risiken: Sie könnte als Teilsieg der Straßenproteste gesehen werden. Militärisch gilt Drapatyj jedoch als vielversprechend.

Drapatyjs militärische Karriere

Drapatyj stammt aus dem Westen der Ukraine und absolvierte seine Ausbildung am Militärinstitut für Panzertruppen in Charkiw. Berühmt wurde er im Mai 2014, als sein Bataillon der 82. Panzerbrigade eingekesselte Polizisten mit einer Handvoll Schützenpanzern befreite. Im Juni desselben Jahres geriet seine Einheit selbst in eine 28-tägige Umzingelung an der russischen Grenze, aus der er 260 Soldaten retten konnte.

Im vollumfänglichen Krieg trug Drapatyj maßgeblich zur Befreiung Chersons im November 2022 bei – einem der größten ukrainischen Erfolge. Mitte 2024 wurde er als „Feuermann“ in die Region Charkiw geschickt, wo er die Lage nach einer russischen Offensive stabilisierte.

Es gab auch Rückschläge: 2025 trat Drapatyj als Kommandeur der Landstreitkräfte zurück, nachdem Russen einen Übungsplatz in der Region Sumy getroffen hatten. Er übernahm die Verantwortung, kritisierte aber die Praxis, Soldaten in Frontnähe auszubilden. Anschließend wurde er zum Kommandeur der Vereinigten Kräfte ernannt. Zuletzt trat er weniger in Erscheinung, auch wegen schwieriger Beziehungen zu Syrskyj.

Bedeutung der Entscheidung

Mit Drapatyj setzt Selenskyj auf einen strategischen Denker, der auch mit Ex-Verteidigungsminister Fedorow gut zusammengearbeitet haben soll. Anders als seine Vorgänger wird Drapatyj nicht mit einem persönlichen Vertrauten als Generalstabschef arbeiten, sondern mit Ihor Skybjuk, der Syrskyj nahesteht. Skybjuk machte sich 2022 bei der Befreiung der Region Charkiw einen Namen. Dass Selenskyj ihn hält, zeigt sein Bemühen, keine der drei mächtigen Fraktionen im Militär zu verprellen.

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