Indien baut seine militärische Präsenz auf den Nikobaren-Inseln im Golf von Bengalen massiv aus. Die Inselgruppe liegt nur wenige hundert Kilometer von der Straße von Malakka entfernt, einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Laut einem Bericht des Tagesspiegels planen die indischen Streitkräfte dort neue Hafenanlagen, einen Flughafen und sogar eine Stadt für mehrere Hunderttausend Menschen auf der Hauptinsel Groß Nikobar.
Strategische Bedeutung der Nikobaren
Die Nikobaren, die zu den indischen Unionsterritorien gehören, liegen mehr als 1000 Kilometer vom indischen Festland entfernt, direkt vor der Küste Sumatras. Ihre Lage macht sie zu einem idealen Ausgangspunkt, um den Schiffsverkehr in der Straße von Malakka zu überwachen und zu kontrollieren. Etwa 40 Prozent des globalen Handels und ein Großteil der Öltransporte aus dem Nahen Osten nach Ostasien passieren diese Meerenge. China ist auf diese Route besonders angewiesen, da ein erheblicher Teil seiner Energieimporte und seines Außenhandels über diesen Seeweg abgewickelt wird.
„Indien bereitet sich darauf vor, im Konfliktfall die Straße von Malakka zu blockieren“, zitiert der Tagesspiegel einen ungenannten Militärexperten. Die indische Regierung selbst betont jedoch, dass die Maßnahmen der zivilen Entwicklung und der Sicherung der Seewege dienen. Offizielle Stellen verweisen auf das Projekt „Great Nicobar Development Plan“, das auch touristische Einrichtungen und Casinos vorsieht.
Militärische Aufrüstung und Infrastrukturprojekte
Im Rahmen des Ausbaus sollen auf Groß Nikobar ein neuer Tiefseehafen, ein militärischer Flugplatz und eine Stadt für 300.000 Einwohner entstehen. Die indische Marine hat bereits mit der Stationierung von Schiffen und U-Booten begonnen. Laut dem Bericht sollen die Anlagen bis 2028 fertiggestellt sein. Die Kosten werden auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt.
Kritiker warnen vor einer Militarisierung der Region und einer Eskalation der Spannungen mit China. Peking hat die indischen Aktivitäten scharf kritisiert und wirft Neu-Delhi vor, die Freiheit der Schifffahrt zu gefährden. China selbst baut seine Militärbasen im Indischen Ozean aus, etwa in Dschibuti und auf den Spratly-Inseln.
Reaktionen aus der Region
Die Anrainerstaaten der Straße von Malakka – Indonesien, Malaysia und Singapur – beobachten die Entwicklungen mit Sorge. Sie befürchten, in einen Konflikt zwischen den beiden asiatischen Großmächten hineingezogen zu werden. „Jede Blockade der Straße von Malakka wäre eine Katastrophe für die Weltwirtschaft“, sagte ein Sprecher des indonesischen Außenministeriums dem Tagesspiegel.
Indien hingegen sieht sich als Schutzmacht der Region und betont, dass die Maßnahmen defensiven Charakter hätten. „Wir sichern unsere territoriale Integrität und tragen zur Stabilität im Indischen Ozean bei“, erklärte ein Sprecher des indischen Verteidigungsministeriums. Die indische Regierung hat zudem angekündigt, die Zusammenarbeit mit den USA, Japan und Australien im Rahmen des Quad-Bündnisses zu verstärken.
Auswirkungen auf den Welthandel
Sollte Indien tatsächlich eine Blockade der Straße von Malakka durchsetzen können, hätte dies massive Auswirkungen auf die globale Wirtschaft. Schätzungen zufolge würde eine mehrtägige Sperrung der Meerenge zu Verlusten in Milliardenhöhe führen. Die Ölpreise würden drastisch steigen, und die Lieferketten für Elektronik, Autos und andere Güter kämen ins Stocken. China wäre besonders betroffen, da es 80 Prozent seiner Ölimporte über diese Route bezieht.
Experten halten eine vollständige Blockade jedoch für unwahrscheinlich, da sie einen offenen Krieg mit China bedeuten würde. Vielmehr gehe es Indien darum, eine Drohkulisse aufzubauen und Verhandlungsmacht zu gewinnen. „Indien will China zeigen, dass es die Achillesferse seiner Versorgung kontrolliert“, so ein Analyst der Denkfabrik Observer Research Foundation.



