Kurz bevor sich die Nato-Staaten am Dienstag in Ankara treffen, zeichnen Recherchen des „Wall Street Journal“ ein Bild wachsenden Misstrauens zwischen Europa und den USA. Das Bündnis steht erneut vor der Aufgabe, Geschlossenheit zu zeigen – und einen offenen Bruch mit US-Präsident Donald Trump zu vermeiden.
Geheimtreffen der EU-Chefs im Januar
Dem Bericht zufolge berieten die Staats- und Regierungschefs der EU bereits im Januar bei einer nächtlichen Sitzung im Brüsseler Ratsgebäude offen darüber, wie mit einem möglichen Bruch mit den USA umzugehen wäre – ohne Kameras, Aufzeichnungen oder Mobiltelefone. Einige Teilnehmer sollen die Atmosphäre im Nachhinein scherzhaft mit einem „Therapieabend“ verglichen haben, wie die Zeitung berichtet. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron habe dabei nach Angaben des „Wall Street Journal“ deutlich gemacht, dass für ihn eine Grenze überschritten sei und es kein Zurück mehr gebe.
Erwartungen an den Gipfel
Vor diesem Hintergrund beginnt nun am Dienstag der Nato-Gipfel in Ankara. Die Erwartungen sind nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP klar umrissen: Zum einen sollen die Verteidigungsfähigkeit und die europäische Rolle innerhalb des Bündnisses gestärkt und die Unterstützung der Ukraine bekräftigt werden. Zum anderen geht es – wie schon im Vorjahr – darum, einen Eklat mit Trump zu vermeiden, um keinen Zweifel an der Einigkeit der 32 Mitgliedstaaten aufkommen zu lassen.
Trumps Kritik an Verbündeten
Trump hatte zuletzt erneut Kritik an den Verteidigungsausgaben der Verbündeten geübt und deren aus seiner Sicht unzureichende Unterstützung im Iran-Krieg bemängelt. Es wäre „lächerlich“, die „einseitige“ Beziehung zu den Alliierten fortzusetzen, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. Zum Iran-Krieg erklärte er zudem: „Sie waren nicht für uns da!!!“ Dabei hatte Nato-Generalsekretär Mark Rutte dem US-Präsidenten Ende Juni bei einem Besuch in Washington mit großen Schautafeln noch zu vermitteln versucht, wie stark die Investitionen der Verbündeten in den vergangenen Jahren gestiegen seien.
Rückblick auf den Gipfel 2025
Schon vor dem Nato-Gipfel 2025 in Den Haag hatte Trump Zweifel an der Bündnistreue der USA gesät, die dann beim Treffen selbst zerstreut wurden: Die Mitgliedstaaten einigten sich auf Druck Washingtons auf eine deutliche Erhöhung der Verteidigungsausgaben, was Trump am Ende als Sieger dastehen ließ. Rutte sorgte in seiner Heimatstadt zudem für ein Rahmenprogramm nach dem Geschmack des US-Präsidenten, unter anderem mit einem Abendessen beim niederländischen Königspaar. Trump zeigte sich damals gut gelaunt und bekräftigte das „unumstößliche Bekenntnis zur kollektiven Verteidigung“. Wie das „Wall Street Journal“ berichtet, war diese Zustimmung jedoch von langer Hand vorbereitet: Rutte habe sich demnach gezielt darum bemüht, Trump durch öffentliches Lob Handlungsspielraum für Gespräche hinter verschlossenen Türen zu verschaffen.
Iran-Krieg als Stimmungsdämpfer
Der eigentliche Stimmungsdämpfer vor Ankara dürfte laut AFP jedoch der Iran-Krieg sein. Der von israelischen und amerikanischen Angriffen ausgelöste Konflikt schwelt weiter, und Trump zeigt sich verärgert über das Verhalten der europäischen Verbündeten. Ein von Frankreich und Großbritannien initiierter Einsatz zur Sicherung der Straße von Hormus, der Trump eigentlich besänftigen sollte, verzögert sich wegen anhaltender gegenseitiger Angriffe. Legen die Europäer in Ankara keine konkreten Pläne vor, könnte dies die Stimmung kippen lassen.
Mehr Verantwortung für Europa
Einig ist man sich in der Allianz immerhin, dass die Europäer mehr Verantwortung übernehmen müssen. Beim Gipfel wollen die Staats- und Regierungschefs laut Diplomatenangaben zu einem „stärkeren Europa in einem stärkeren Nato-Bündnis“ aufrufen – auch weil die USA ihre Präsenz in Europa spürbar verringern. Aus Deutschland werden 5000 US-Soldaten abgezogen, die der Nato zur Verfügung gestellten Fähigkeiten reduziert, und Verteidigungsminister Pete Hegseth kündigte eine weitere Überprüfung der US-Truppenstärke in Europa an. Auch die geplante Stationierung von Langstrecken-Marschflugkörpern in Deutschland wurde gestoppt. Das deckt sich mit dem Bericht des „Wall Street Journal“, wonach europäische Behörden bereits begonnen haben, amerikanische Technologie aus ihren Systemen zu entfernen und verstärkt in eigene Raumfahrt- und KI-Kapazitäten zu investieren, um Abhängigkeiten von den USA zu verringern.
Unterstützung für Ukraine
Bei der Unterstützung der Ukraine gehen Europa und Kanada nach dem Ende der US-Hilfen bereits voran: Aus Diplomatenkreisen verlautete am Freitag, dass sie die Ukraine auch ohne amerikanische Beiträge in diesem und im kommenden Jahr mit Militärhilfe in Höhe von 40 Milliarden Euro unterstützen wollen – ein Betrag, der einer früheren Nato-Zusage aus dem Jahr 2024 entspricht, die damals noch einen US-Beitrag einschloss.
Merz‘ Ansage und Ruttes Rolle
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kündigte an, den amerikanischen Partnern in Ankara „auf Augenhöhe“ begegnen zu wollen: „Ihr seid abhängig von uns, wir sind abhängig von euch.“ Ob dies bei Trump verfängt, ist offen. Am Ende könnte es erneut am „Trump-Flüsterer“ Rutte liegen, den Gipfel in ruhige Bahnen zu lenken – eine Rolle, die laut „Wall Street Journal“ nicht bei allen Verbündeten unumstritten ist: Der britische Geheimdienst MI6 soll die Strategie der Schmeicheldiplomatie bereits dem „Gesetz der abnehmenden Erträge“ unterworfen sehen.
Messlatte für Erfolg
Die Messlatte für einen Erfolg liegt nach Einschätzung von Diplomaten zufolge ohnehin nicht hoch. Für einen erfolgreichen Gipfel sei lediglich nötig, „dass Trump nicht gegen die Nato auftritt, die Nato nicht kritisiert und ihre Rolle nicht untergräbt“, sagte der ehemalige Nato-Botschafter der Slowakei, Peter Bator, der Nachrichtenagentur AFP. Zumindest beim Rahmenprogramm dürfte Ankara mit Den Haag mithalten können: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan pflegt ein gutes Verhältnis zu Trump, und sein marmorverkleideter Präsidentenpalast dürfte dem prunkliebenden US-Präsidenten ebenfalls gefallen.



