Pistorius und Vautrin: Vertrauen entsteht nicht durch Harmonie um jeden Preis
Pistorius und Vautrin: Vertrauen nicht durch Harmonie

In einem gemeinsamen Gastbeitrag für den Tagesspiegel und die französische Zeitung „Les Échos“ haben Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und seine französische Amtskollegin Catherine Vautrin die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft für die Sicherheit Europas hervorgehoben. Angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und einer von geopolitischer Rivalität geprägten Welt sei es notwendig, neue Maßstäbe in der bilateralen Zusammenarbeit anzulegen.

Historische Wegmarken der Versöhnung

Die Minister erinnerten an die symbolträchtigen Handschläge von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer 1962 in der Kathedrale von Reims und auf Schloss Augustusburg in Brühl sowie an die Geste von François Mitterrand und Helmut Kohl 1984 in Verdun. Diese Momente stünden für die Fähigkeit, Wunden der Vergangenheit zu heilen und eine gemeinsame Zukunft zu gestalten. Der Elysée-Vertrag von 1963 und der Aachener Vertrag von 2019 hätten diese Partnerschaft weiter vertieft.

Gemeinsame Herausforderungen und neue Initiativen

Pistorius und Vautrin betonten, dass die deutsch-französische Freundschaft kein historisches Denkmal sei, sondern eine tägliche Aufgabe. Der Krieg in der Ukraine zwinge Europa dazu, aufzurüsten, Abhängigkeiten zu verringern und geschlossener zu handeln. Als Beispiel nannten sie die „Group of Five“, ein Forum der Verteidigungsminister Deutschlands, Frankreichs, Polens, Großbritanniens und Italiens, das politische Initiativen koordinieren und die europäische Handlungsfähigkeit stärken solle.

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Offene Diskussion als Stärke

Ein besonderes Merkmal der Freundschaft sei ihre Offenheit: „Vertrauen entsteht nicht durch Harmonie um jeden Preis, sondern durch unsere Fähigkeit, unterschiedliche Meinungen zu akzeptieren und unsere Komplementarität als Stärke zu nutzen“, schrieben die Minister. Auch wenn der Bau eines gemeinsamen Kampfflugzeugs beendet worden sei, bleibe die Interoperabilität der Streitkräfte essenziell. Gemeinsam treibe man Projekte zur Entwicklung weitreichender Präzisionswaffen und eines Raketen-Frühwarnsystems voran.

Nukleare Abschreckung und europäische Souveränität

Darüber hinaus führten Deutschland und Frankreich einen vertieften Austausch im Bereich der nuklearen Abschreckung. Dieser Dialog solle die strategische Nähe stärken und die europäische Dimension der französischen Nuklearstreitkräfte mit Substanz füllen, in Komplementarität zur NATO. Die Minister betonten, dass die Sicherheit Europas nicht mehr in die Hände anderer gelegt werden könne und Entscheidungen über die Zukunft nicht aufgeschoben werden dürften.

Der Gastbeitrag erscheint anlässlich des deutsch-französischen Ministerrats auf Schloss Augustusburg in Brühl, genau 64 Jahre nach dem Treffen von de Gaulle und Adenauer. „Die Freundschaft unserer Länder war niemals allein auf die Versöhnung mit der Vergangenheit ausgerichtet. Es war und ist stets unser Anspruch, die Zukunft miteinander zu gestalten“, so Pistorius und Vautrin abschließend.

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