Die Ukraine bereitet sich auf eine mögliche russische Zwangsmobilisierung vor. Präsident Wolodymyr Selenskyj äußerte am Mittwoch bei einer Konferenz in Kiew die Befürchtung, dass Kreml-Chef Wladimir Putin bald eine solche Maßnahme ergreifen könnte. „Putin wird die Zahl seiner Vertragssoldaten nicht erhöhen können, weil das sehr viel Geld kosten würde“, sagte Selenskyj laut „Kiev Independent“. „Wir müssen auf solche Schritte vorbereitet sein.“
Russlands Rekrutierungsprobleme
Hintergrund sind wachsende Schwierigkeiten Russlands, genügend Freiwillige für den Krieg in der Ukraine zu gewinnen. Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) berichtet, dass Russland zwischen Januar und Anfang Juli rund 195.000 Vertragssoldaten verpflichtet habe. Das reiche nicht aus, um das Jahresziel von 409.000 Rekruten zu erreichen. Zugleich steigen die russischen Verluste drastisch: Im Juni verlor Russland pro erobertem Quadratkilometer etwa 1300 Soldaten, ein Jahr zuvor waren es nur 68.
Bisher setzte der Kreml vor allem auf finanzielle Anreize, um Männer für den Krieg zu gewinnen. Lukrative Verträge sollten die unpopuläre Zwangsmobilisierung umgehen. Doch diese Strategie stößt nun an ihre Grenzen. Die hohen Verluste und der langsame Vormarsch in der Ukraine machen eine Ausweitung der Rekrutierung notwendig.
Zeitpunkt nach den Wahlen erwartet
Beobachter rechnen mit einer Mobilisierung nach den russischen Parlamentswahlen vom 18. bis 20. September. Osteuropa-Experte Andreas Umland sagte dem Tagesspiegel, eine „massenhafte Zwangsmobilisierung von Männern im wehrfähigen Alter“ könnte nach den Wahlen stattfinden. Vor den Wahlen wolle der Kreml weitere Unzufriedenheit in der Bevölkerung vermeiden.
Bereits in den vergangenen Monaten mehrten sich die Anzeichen für eine bevorstehende Mobilisierung. Der Kreml ließ immer wieder das mobile Internet in Städten abschalten und erschwerte den Zugang zur App Telegram. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, die Verbreitung von Informationen zu unterdrücken, die der Staatspropaganda widersprechen.
Sprachliche Signale aus dem Kreml
Ein weiteres Indiz ist die veränderte Rhetorik. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bezeichnete die Invasion in der Ukraine kürzlich wieder als „echten Krieg“. In der offiziellen Propaganda wurde der Konflikt lange als „Spezialoperation“ verharmlost. Die neue Wortwahl könnte darauf hindeuten, dass die russische Führung die Bevölkerung auf größere Opfer vorbereiten will, etwa dass bald auch Söhne aus städtischen, gut situierten Familien an die Front müssen.
Ukraine kämpft mit eigenem Personalproblem
Für die ukrainische Armee wäre eine russische Mobilisierung eine zusätzliche Belastung, da auch sie unter Personalmangel leidet. Zwar desertieren inzwischen deutlich weniger Soldaten, wie der österreichische Militärexperte Franz-Stefan Gady kürzlich in einem Interview erklärte. Doch diese Verbesserung reicht offenbar nicht aus.
Diese Woche trat der ukrainische Verteidigungsminister Mychailo Fedorow zurück – nach nur einem halben Jahr im Amt. Selenskyj hatte ihn offenbar zu diesem Schritt gedrängt. Der Präsident war unter anderem unzufrieden, dass Fedorow die versprochene Reform der Mobilisierung nicht umgesetzt habe, berichtet „Ukrainska Pravda“. Dies zeigt die hohe Priorität, die die Lösung des ukrainischen Personalproblems hat, besonders wenn Putin bald massenweise Nachschub in die Schlacht werfen kann.



