Im Dauerfeuer der Mullah-Raketen: Ramat Gan erlebt 121 Alarme
In einem Luftschutzbunker unter einem Wohnhaus an der Einstein-Straße in Ramat Gan versuchen die Bewohner, die Kriegszeit mit rabenschwarzem Humor zu überstehen. Gerade hat es wieder Raketenalarm gegeben – der 121. seit Kriegsbeginn – und nur wenige Kilometer entfernt starb vor zwei Tagen ein Ehepaar, das es nicht schnell genug in den Schutzraum geschafft hatte.
„Wir sind nicht mehr allein auf Platz 1“
Sagi (45) sitzt im Bunker und sagt mit bitterem Humor: „Verdammt, wir sind nicht mehr allein auf Platz 1, ich ruf in Teheran an und sage denen, sie sollen mehr zu uns schießen.“ Er öffnet eine Website, die zeigt, dass Ramat Gan an diesem Freitagmittag zusammen mit zwei weiteren Gemeinden mit 121 Alarmen an der Spitze steht.
Das Wohnhaus wurde vor dem Zweiten Golfkrieg (1990/91) errichtet, weshalb nicht alle Wohnungen über einen eigenen Schutzraum („Mamad“) verfügen. Seit Saddam Husseins Scud-Raketenangriffen müssen alle Neubauten solche Räume in jeder Wohnung haben. In diesem älteren Gebäude pilgern die übernächtigten Bewohner stattdessen jede Nacht bis zu drei- oder viermal gemeinsam in den Luftschutzbunker im Keller („Miklat“).
„Wie Zombies laufen wir hier runter“, beschreibt ein anderer Bewohner die nächtlichen Gänge. Er gesteht, dass er lieber in einem anderen Land leben würde, müde geworden von den ständigen Kriegen. Doch er besitzt nur den israelischen Pass und sagt: „Und auch im Ausland gibt es immer mehr Antisemitismus. Was soll man machen?“
Warum Ramat Gan besonders oft angegriffen wird
Mit rund 180.000 Einwohnern gehört die Stadt östlich von Tel Aviv zu den am dichtesten besiedelten Gebieten Israels. Da das iranische Regime seine Raketen offenbar bevorzugt dorthin lenkt, wo viele Menschen leben, gibt es hier besonders häufig Alarm.
An der Einschlagstelle der Streurakete, die das Ehepaar tötete, ist von außen immer noch das riesige Loch in der Wohnung im dritten Stock zu sehen. Der gehbehinderte Mann in seinen Siebzigern und seine Frau hatten es nicht schnell genug in den Schutzraum geschafft.
Der direkte Nachbar Chen (54), ein kräftiger Bauunternehmer, schaffte es gerade noch mit seiner Frau in Sicherheit. „Das war nur 20 Sekunden, nachdem der Alarm ertönt war. Ich hatte gerade die Tür unseres Schutzraums geschlossen, der ganze Raum bewegte sich“, erzählt er. Auch seine Küchenwand weist Risse auf.
„Wir haben schon eine Shoah durchgemacht“, sagt Chen. „Wir müssen stark sein. Wir mögen keinen Krieg, aber diesen Preis müssen wir jetzt zahlen, wenn wir als Land überleben wollen, da kann man nichts machen.“ Die beschädigten Küchenwände müsse er halt abreißen und neu hochziehen.
Politische Ansichten im Bunker
Nach dem Besuch bei Chen ertönt erneut ein Alarm, und wieder geht es in den Keller eines Wohnhauses. Hier sitzt auch die Kosmetikerin Shelly (50), die sich über Bundeskanzler Friedrich Merz (70) ärgert, der keine Marineschiffe in die Straße von Hormus entsenden will, obwohl er beim letzten Krieg gesagt hatte, Israel würde die Drecksarbeit für Europa machen. „Er hat wahrscheinlich Angst vor den Arabern in Deutschland“, vermutet sie.
Der Bildhauer Vittorio (73), der seinen von Farbe verschmierten weißen Arbeitsanzug trägt, sagt: „In einem anderen Land wäre ich links, hier kann ich das nicht. Hier ist die Realität eine andere und ich muss eher rechts sein.“ Er sei für den Frieden und gegen den Krieg, fügt aber hinzu: „Aber wenn am Ende bei diesem Krieg etwas Gutes herauskommt, hat es sich gelohnt.“
Bei den letzten Wahlen in Ramat Gan gewann die liberale Partei von Yair Lapid (62) mit rund 32 Prozent, Benjamin Netanjahus (76) Likud kam auf 22 Prozent und die Rechtsradikalen von Bezalel Smotrich (46) und Itamar Ben-Gvir (49) auf sieben Prozent.
„Wir sind auf dem Weg in die Erlösung“
Stramm rechts ist Yaniv (43), der eine Einkaufsstraße entlanggeht, als gerade mal kein Alarm ist. Bei den letzten Wahlen gab er Ben-Gvir seine Stimme und wird das wieder tun. „Wir sind auf dem Weg in die Erlösung“, sagt er. „Das ist jetzt im Krieg wie ein Nike-Zeichen. Es geht ein bisschen nach unten und dann ganz weit nach oben.“
Als er erfährt, dass die Reporter aus Deutschland kommen, äußert er sich zu Merz: „Er sollte wenigstens ein symbolisches Schiff schicken! Deutschland hat das Öl da doch viel nötiger, als Donald Trump. Was, wenn Trump wütend wird und aus der Nato geht? Dann habt ihr ein Problem.“
Auf die Frage, ob Trump nicht auch wütend auf Israel sein könnte, das laut dem US-Präsidenten auf eigene Faust Gasfelder im Iran attackierte, zieht Yaniv mit dem Zeigefinger ein Augenlid herunter – eine in Israel gebräuchliche Geste des Unglaubens. „Netanjahu und Trump sind zu 100 Prozent abgestimmt, er wusste von allem, da bin ich mir sicher“, behauptet er.
„Ich persönlich bin froh über diesen Krieg“
Dudi (59) sitzt bei einem weiteren Alarm in einem anderen Bunker. Auf die Frage, was er über den Krieg denke, der ihn immer wieder hierher treibt, antwortet er: „Ich persönlich bin froh über diesen Krieg. Es geht hier um etwas viel Größeres als mich selbst.“
Die Heimatfront habe die Parole ausgegeben, dass jeder Bürger wie ein Soldat in der Schlacht seine Pflicht tun solle – für ihn bedeutet das, bei Alarmen in den Bunker zu pilgern. „Der Iran wolle Israel vernichten, deswegen sei das alles leider notwendig“, erklärt Dudi, der 30 Jahre lang als Händler in Hamburg lebte.
„Ich bin nur ein einfacher Mann“, sagt er. „Viele sagen, das jüdische Volk sei klug, und dieses Vorurteil stimmt. Und unsere Köpfe da oben in unserer Regierung sind noch viel schlauer als ich. Ich vertraue denen.“
Zehn Millionen Israelis müssen meist mehrmals täglich und nachts in Schutzräumen verschwinden – ein Alltag, der in Ramat Gan mit seinen 121 Raketenalarmen besonders intensiv erlebt wird.



