Selenskyj drängt auf Patriot-Produktion in Ukraine
Selenskyj drängt auf eigene Patriot-Produktion

Nach dem verheerenden russischen Großangriff auf Kiew mit mindestens 17 Toten und fast 90 Verletzten drängt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf den Aufbau einer eigenen Produktionsstätte für Patriot-Raketen. „Um wirklich Leben schützen zu können, braucht die Ukraine eine eigene Produktion“, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videobotschaft. Er sprach von einer europäischen Produktion in der Ukraine oder mit Partnern gemeinsam und stellte den USA in diesem Fall auch Unterstützung bei Einsätzen in Aussicht.

Massive Angriffswelle auf Kiew

In der Nacht zum Donnerstag griff Russland die ukrainische Hauptstadt mit 74 Raketen und 496 Drohnen an, wie die ukrainische Luftwaffe mitteilte. Die Luftabwehr habe 48 Raketen und 476 Drohnen abfangen können, 25 Raketen und zwölf Drohnen hätten jedoch 33 Ziele getroffen. Bürgermeister Vitali Klitschko sprach von den „verheerendsten Angriffen des Feindes auf die Hauptstadt“ seit Kriegsbeginn. In einem neunstöckigen Wohnhaus stürzten die ersten sechs Stockwerke nach einem Direkttreffer ein. Unter den Verletzten seien auch Rettungskräfte einer Ambulanzstation. Klitschko rief für Freitag einen Trauertag aus; die Flaggen sollen auf Halbmast gesetzt werden, Unterhaltungsveranstaltungen sind verboten.

Selenskyjs Forderung nach Patriot-Produktion

Der Westen hatte der Ukraine für die Flugabwehr Waffen wie US-amerikanische Patriot-Systeme oder die deutschen Iris-T-Komplexe geliefert. Doch die Raketen für solche Systeme sind teuer und rar. Durch den von US-Präsident Donald Trump begonnenen Iran-Krieg ist das Defizit an solchen Raketen noch größer geworden. Selenskyj hofft darauf, dass die USA der Ukraine den Bau von Patriot-Raketen in Lizenz erlauben. Eine eigene Produktion würde die Abhängigkeit von westlichen Lieferungen verringern und die Versorgungssicherheit erhöhen.

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Weitere russische Angriffe im Süden und Osten

Bei nächtlichen russischen Angriffen auf die Ukraine sind nach Behördenangaben zwei Menschen getötet und acht weitere verletzt worden. In der Grenzregion Sumy starben zwei Menschen, als russische Drohnen ein Privathaus trafen, wie der Leiter der regionalen Militärverwaltung, Oleh Hryhorow, auf Telegram mitteilte. In der zentralukrainischen Stadt Krywyj Rih wurden bei einem Raketenangriff auf ein dicht bebautes Stadtgebiet sieben Menschen verletzt, erklärte Oleksandr Wilkul, Leiter des städtischen Verteidigungsrates. Im Gebiet Dnipropetrowsk kamen zwei Menschen ums Leben, neun weitere wurden verletzt, berichtete Militärgouverneur Olexander Hanscha. Russland setzte dabei Drohnen, Artillerie, Gleitbomben und eine Rakete ein. In Saporischschja verletzte ein Drohnenangriff sieben Menschen, darunter vier Minderjährige im Alter von 6 bis 16 Jahren, wie Militärgouverneur Iwan Fedorow mitteilte.

Ukrainische Gegenschläge

Die Ukraine ihrerseits attackierte eine Raffinerie in der Wolgaregion Nischni Nowgorod. Der Gouverneur des russischen Gebiets, Gleb Nikitin, bestätigte indirekt „unbedeutende Schäden an einem Industrieobjekt und an mehreren Wohnhäusern“ durch herabfallende Drohnentrümmer. Ein Mensch kam ums Leben, vier wurden verletzt. Die zum Ölkonzern Lukoil gehörende Verarbeitungsanlage in Kstowo ist eine der größten in Russland. Die Ukraine hat zuletzt ihre Angriffe auf Ziele tief in Russland verstärkt und dabei vor allem die Energie-Infrastruktur ins Visier genommen, was zu Treibstoffengpässen in Russland führte.

EU verschärft Sanktionen gegen Russland

EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas kündigte nach den jüngsten Angriffen neue Sanktionen an: „Heute werde ich als Reaktion auf die Angriffe vorschlagen, weitere Einrichtungen und Unternehmen zu sanktionieren, die den russischen militärisch-industriellen Komplex unterstützen.“ Auf der Plattform X schrieb sie: „Je stärker Moskau Zivilisten angreift, desto mehr Sanktionen müssen verhängt werden.“ Das EU-weite Verbot, Inhalte des Senders Russia Today zu verbreiten, gilt laut einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs auch für kostenlos zugängliche Websites. Es sei unerheblich, ob die Verbreitung im Rahmen einer wirtschaftlichen Tätigkeit erfolge, hieß es aus Luxemburg.

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Nato-Gipfel in Ankara rückt näher

Kurz vor dem Nato-Gipfel in Ankara (7./8. Juli) bezeichnete US-Präsident Donald Trump die Verteidigungsausgaben Deutschlands und anderer Verbündeter als „lächerlich“. In einem Post auf Truth Social listete er mehrere Länder mit Finanzzahlen auf, die einem Nato-Bericht für 2025 ähneln. Zu Deutschland machte er keine konkreten Angaben, obwohl das Land laut Nato-Jahresbericht 2025 mit 88,8 Milliarden Euro an Position zwei lag. Nato-Oberbefehlshaber General Alexus Grynkewich erklärte, die europäischen Verbündeten hätten die durch den US-Abzug entstandenen Lücken in den Verteidigungsplänen weitgehend geschlossen. In den wenigen Bereichen, in denen es noch keine gleichwertigen Fähigkeiten gebe, prüfe die Allianz Alternativen.

Selenskyj hofft auf Treffen mit Trump

Der ukrainische Präsident hofft auf ein Treffen mit Trump am Rande des Nato-Gipfels in Ankara. Zudem führten Verteidigungsminister Rustem Umjerow und Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn, in den vergangenen zwei Tagen Gespräche. Selenskyj hofft, dass Kushner und US-Gesandter Steve Witkoff die Ukraine besuchen werden, obwohl die von den USA unterstützten Friedensbemühungen seit Monaten stocken.

CSIS: Russische Verluste steigen drastisch

Laut einem Lagebericht der Denkfabrik CSIS (Center for Strategic and International Studies) sind seit Kriegsbeginn rund zwei Millionen Soldaten getötet, verletzt oder vermisst gemeldet worden – 1,4 Millionen davon auf russischer Seite. Das Verhältnis zwischen russischen und ukrainischen Verlusten sei im ersten Halbjahr 2026 auf schätzungsweise 8:1 gestiegen, während es die meiste Zeit bei 2:1 oder 3:1 lag. Hauptgrund sei der verstärkte und äußerst wirkungsvolle Einsatz ukrainischer Kampfdrohnen. Die Gesamtzahl der russischen Gefallenen gab CSIS mit 400.000 bis 450.000 an, auf ukrainischer Seite seien es 125.000 bis 150.000. Inzwischen übersteige die monatliche Zahl der russischen Verluste die der Neurekrutierungen.