Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat dem Druck der Protestbewegung nachgegeben und Armeechef Oleksandr Syrskyj entlassen. Sein Nachfolger, Mychailo Drapatyj, gilt als Wunschkandidat der Demonstrierenden. Die Entscheidung sorgte in Kyjiw und an der Front für Erleichterung. Soldaten und Kommandeure, die seit fast viereinhalb Jahren gegen die russische Invasion kämpfen, erhoffen sich einen Kulturwandel in der Armee. Die Moral der Truppe, die für die Kriegsführung mindestens ebenso wichtig ist wie moderne Technik, erhält dadurch einen deutlichen Schub.
Proteste fordern Fedorow als Verteidigungsminister zurück
Doch die Krise ist für Selenskyj keineswegs überstanden. Bereits an diesem Freitag gehen die Proteste weiter. Die Demonstranten verlangen die Wiedereinsetzung von Mychailo Fedorow als Verteidigungsminister. Der 35-jährige Reformer, der für seinen datenbasierten und transparenten Führungsstil bekannt ist, hatte das Ministerium zuvor modernisiert. Ein Beispiel: Fedorow ließ die Beschaffung von Artilleriemunition öffentlich ausschreiben, um den besten Hersteller zu ermitteln. Dadurch sparte das Verteidigungsministerium „Milliarden von Hrywnjas“ – eine Summe, die im Euro-Raum mindestens achtstellig ist.
Fedoro ws Erfolge und Selenskyjs Dilemma
Vor Fedorows Amtszeit waren Rüstungsdeals oft von Intransparenz geprägt, da sie unter Kriegsgeheimnis fielen. Dies begünstigte Hinterzimmerdeals, von denen laut Kritikern bestimmte Profiteure profitierten. Fedorows Ansatz, auf Wettbewerb und Innovation zu setzen, hatte die Ukraine im Drohnenbereich erfolgreich gemacht. Selenskyj bot Fedorow einen anderen Regierungsposten an, um weiterhin „technologische Entwicklungen“ zu betreuen. Fedorow lehnte jedoch ab. Da der angebliche Grund für seine Entlassung – ein Konflikt mit Syrskyj – mit der Abberufung des Armeechefs hinfällig ist, fragen sich viele, was gegen seine Rückkehr spricht.
Selenskyjs Zögern könnte Proteste weiter anheizen
Kritiker Fedorows werfen ihm Sturheit und Kompromisslosigkeit vor, was die Kabinettsarbeit erschweren könnte. Dennoch überwiegen seine Erfolge. Zwei plausible Erklärungen für Selenskyjs Zögern bleiben: Fedorows Kampf gegen Korruption und für Transparenz sowie seine große Beliebtheit in der Bevölkerung. Möglicherweise sieht Selenskyj in ihm einen potenziellen Konkurrenten, den er ausschalten wollte. Dieser Plan scheint jedoch nach hinten loszugehen. Die Zivilgesellschaft lässt sich nicht blenden: Syrskyj ist zwar weg, doch die Forderung nach Fedorows Rückkehr bleibt bestehen. Selenskyj wird ihm den Ministerposten wohl nicht zurückgeben, da dies als Schwäche ausgelegt werden könnte. Paradoxerweise könnte dies Fedorow und der Protestbewegung weiteren Auftrieb verleihen – genau das, was Selenskyj verhindern will.



