Stolperstein-Eklat in Neukölln: Festival streicht Gaza-Performance
Stolperstein-Eklat: Festival streicht Gaza-Performance

Das Berliner Kulturfestival „48 Stunden Neukölln“ hat am vergangenen Wochenende eine umstrittene Veranstaltung aus dem Programm genommen. Grund waren schwere Antisemitismus-Vorwürfe: Eine Theatergruppe hatte einen performativen Audiospaziergang entlang von Stolpersteinen geplant, der die Schoah mit dem Gaza-Krieg gleichsetzte. Die Festivalleitung erklärte, man habe die volle Tragweite erst nach Hinweisen erkannt und das Projekt umgehend gestrichen. Der Eklat wirft ein Schlaglicht auf die zunehmende Instrumentalisierung der Holocaust-Erinnerung für politische Zwecke.

Geplante Gleichsetzung von Schoah und Gaza-Krieg

Das Festivalprogramm kündigte einen „performativen Audiospaziergang“ mit dem Titel „Walking the Gaza Monologues“ an. Die Route sollte durch die Wildenbruchstraße in Neukölln führen – entlang einer ausgewählten Reihe von Stolpersteinen, die an jüdische Opfer der Nationalsozialisten erinnern. Die Veranstalter, darunter das palästinensische Ashtar Theater, beabsichtigten laut Ankündigung, „die Zeitachsen zweier Völkermorde zu Parallelen entwickeln“ zu lassen. Nach der Tour war ein Workshop im linken Café „K-Fetisch“ vorgesehen.

Bereits am Freitagabend veröffentlichte Elio Adler, Vorsitzender der jüdischen Werteinitiative, einen offenen Brief. Darin kritisierte er die Aktion als „kalkulierte Grenzverletzung“. Die Tour führe an Gedenksteinen vorbei, die an ermordete jüdische Nachbarn erinnerten. „Wer Texte über den Gaza-Krieg gezielt an Stolpersteinen aufführt, stellt die Schoah und den Krieg Israels gegen die Hamas in eine Linie“, so Adler. Diese Gleichsetzung sei historisch falsch, perfide und nach der Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) antisemitisch. „Das ist Täter-Opfer-Umkehr in Reinform, ausgetragen auf dem Rücken der Toten“, schrieb er.

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Bezirksamt schreitet ein – Festivalleitung zeigt sich „schockiert“

Noch in der Nacht zum Samstag schalteten sich Mitglieder des Neuköllner Bezirksamts ein. Bürgermeister Martin Hikel (SPD) informierte die Festivalleitung und Kulturstadträtin Janine Wolter (SPD). Die Leitung habe sich „schockiert“ gezeigt, so Hikel. Er erinnerte daran, dass es im Café „K-Fetisch“ bereits im Oktober 2025 einen antisemitischen Vorfall gegeben hatte: Damals war ein Paar des Lokals verwiesen worden, weil die Frau ein T-Shirt mit hebräischer Schrift trug.

Sozialstadtrat Hannes Rehfeldt (CDU) forderte in einer E-Mail an alle Bezirksamtsmitglieder, „diese offen antisemitische, die Schoah verharmlosende und Jugendhass normalisierende Aufführung“ zu beenden. Er wies zudem auf die Nähe des Ashtar Theaters zum BDS-Netzwerk hin, das zum Boykott Israels aufruft und vom Bundestag geächtet wurde. Der Berliner Verfassungsschutz stuft die Gruppe als extremistisch ein.

Kulturstadträtin Wolter erklärte, sie habe erst am Samstagnachmittag vom Fall erfahren und sofort Kontakt aufgenommen, um eine Löschung zu veranlassen. Zu diesem Zeitpunkt war der Programmpunkt jedoch bereits gestrichen worden.

Festivalleitung will Prüfprozesse verschärfen

Das Festival entfernte die Audiotour am Samstagvormittag von seiner Website und gab später eine Erklärung heraus. Darin heißt es, es sei „bei einem Beitrag zu einer inhaltlichen Verknüpfung gekommen, die in der ursprünglichen Bewerbung für uns nicht absehbar war“. Nachdem man auf die konkrete Umsetzung aufmerksam gemacht worden sei, habe man die volle inhaltliche Tragweite erkannt und das Projekt aus dem Programm genommen. „Die Instrumentalisierung von Orten des historischen Gedenkens für aktuelle politische Konflikte sowie jede Form von Antisemitismus oder Relativierung haben in unserem Festival keinen Platz“, betonte die Leitung.

Das Festival, das sich als Low-Budget-Festival bezeichnet, räumte ein, dass die Zusammenarbeit mit Teilnehmern auf großem Vertrauen in die künstlerische Eigenverantwortung basiere. Nun wolle man Konsequenzen ziehen: „Dieser Vorfall zeigt, dass wir unseren redaktionellen Prüfprozess auch nach der Bewerbung für die Zukunft verschärfen müssen.“

Allerdings war dem Festival die Holocaust-Relativierung offenbar bekannt. Mitte der Woche hatte der Instagram-Account des Festivals die Ankündigung der Veranstalter mit einem orangefarbenen und pinken Herz kommentiert – den Logofarben von 48 Stunden Neukölln.

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Kritik von israelischer Botschaft und Werteinitiative

Die israelische Botschaft in Berlin bezeichnete den Vorfall als „keinen Einzelfall“. In einem Post auf X hieß es: „Der eigentliche Skandal ist, dass offenbar niemandem auffiel, wie geschichtsvergessen und moralisch verwerflich diese Idee überhaupt war.“ Die Erinnerung an die Schoah werde zunehmend für aktuelle politische Agenden instrumentalisiert. „Und wieder einmal sollten öffentliche Gelder dazu dienen, Antisemitismus und Israelhass eine Bühne zu verschaffen“, kritisierte die Botschaft.

Das Festival wird seit 2018 von der Senatskulturverwaltung und vom Bezirksamt Neukölln gefördert. Im Bezirkshaushalt sind für die Jahre 2026 und 2027 jeweils 40.000 Euro für die „Durchführung 48 Stunden Neukölln“ vorgesehen. Ob für die Audiotour selbst Fördergelder flossen, konnte das Bezirksamt zunächst nicht beantworten. Die Veranstalter des Audiowalks hatten auf ihrer Website Spenden für das Ashtar Theater gesammelt.

Werteinitiative-Chef Adler sieht den Fall als exemplarisch an. „Es ist ein Armutszeugnis für den Berliner Kulturbetrieb, dass israelbezogener Antisemitismus dort inzwischen so selbstverständlich geworden ist, dass er als Programmpunkt eines etablierten, öffentlich geförderten Festivals durchgewunken wird“, kritisierte er. Die Kunstfreiheit schütze vor staatlichem Verbot, verpflichte aber niemanden, „einer solchen Geschmacklosigkeit eine Bühne, ein Festival und öffentliche Mittel“ zu geben.