Ein fragwürdiger Erfolg: Trumps Iran-Abkommen unter der Lupe
Washington. Auch wenn noch nicht alle Details bekannt sind, wird klar: Der US-Präsident hat seine Kriegsziele nicht erreicht. Es frohlocken andere. Von Dirk Hautkapp, Korrespondent in Washington. 15.06.2026, 16:08 Uhr.
Zu wichtig, um es abzutun. Zu löchrig und vage, um es schon Frieden oder gar einen US-Erfolg zu nennen: Am Tag nach dem amerikanisch-iranischen Bekunden, den seit bald vier Monaten dauernden Krieg beizulegen, steht die Frage im Raum: Was ist der Deal, den US-Präsident Donald Trump an seinem 80. Geburtstag triumphal gefeiert hat, tatsächlich wert?
Auch wenn sämtliche Details des Abkommens, das am kommenden Freitag in Genf unterzeichnet werden soll, noch nicht beglaubigt vorliegen, zeichnet sich schon heute ab: Trump hat keines der Ziele erreicht, die er bei Ausbruch der Feindseligkeiten am 28. Februar postuliert hatte. Ein Überblick:
Die Eckpunkte des Abkommens
Nach bisher bekannten Informationen steckt das hier im Entwurf:
- Ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen, auch auf Nebenschauplätzen wie Libanon.
- Eine 60-tägige Verhandlungsphase – also bis Ende August.
- Die schrittweise Wiederöffnung der Straße von Hormus.
- Das Ende der US-Seeblockade iranischer Häfen.
- Keine neuen US-Sanktionen.
- Zeitlich begrenzte Öl-Exportgenehmigungen für Teheran.
- Die Freigabe eingefrorener iranischer Gelder in der Größenordnung bis zu 25 Milliarden Dollar. Später womöglich ein Wiederaufbaupaket für Iran von 300 Milliarden Dollar.
Im Gegenzug soll Teheran zusagen, keine Atomwaffe zu bauen oder zu erwerben, die Uran-Anreicherung generell nicht weiter auszubauen und über den Umgang mit seinem nahezu atomwaffenfähigen Uran zu verhandeln, das unter von den USA im Juni 2025 erzeugten Bombentrümmern lagert.
Trumps Kriegsziele: Eine Bestandsaufnahme
Das ist etwas anderes als das, was Trump als Kriegsziel ausgegeben hatte. Die Maximalformel des Weißen Hauses lautete: Iran alle Wege zur Atombombe überprüfbar abschneiden, sein Raketenprogramm endgültig eindämmen, seine Stellvertreter-Netzwerke wie Hisbollah neutralisieren, den Revolutionsgarden Geld und Handlungsspielraum nehmen, die Öl-Exporte gegen null treiben, das Mullah-Regime zum Abdanken zwingen. Davon ist wenig geblieben.
Die Aussage Trumps, Iran baue keine Atomwaffe, mag an der des Krieges überdrüssigen Heimatfront politisch verwertbar sein. Nur: Das hatte Teheran bereits 1970 und zuletzt 2015 im Obama-Abkommen JCPOA beteuert. Anders als unter seinem Vorgänger hat Trump Stand heute nichts Überprüfbares vorzuweisen bei der Frage, wie sichergestellt wird, dass der Iran nicht weiter im Geheimen an der Bombe basteln kann. Diese Details sind in die 60-Tage-Zone verschoben worden. „Trumps Behauptung, er habe Irans nukleare Ambitionen unwiderruflich zunichtegemacht, hält einer Überprüfung nicht stand“, kommentieren US-Analysten.
Auch der Umgang mit der Seestraße von Hormus zeigt nach Ansicht selbst konservativer Stimmen in Washington „die Schwäche des Arrangements“. Trump spricht von sofortiger, gebührenfreier Öffnung für die internationale Schifffahrt. Teheran spricht von Wiederöffnung innerhalb von 30 Tagen – unter iranischen Vorkehrungen. Wenn der Iran Bedingungen, Zeitpläne oder Sicherheitsvorbehalte darf, bleibt die Meerenge ein Hebel. Ein demokratischer Abgeordneter aus Maryland: „Trump hat ihn nicht vom Tisch verhandelt. Er hat ihn de facto anerkannt.“
Die Seeblockade und die Freigabe von Milliarden
Der zweite Punkt ist die Seeblockade. Dass die USA sie aufheben, ist militärisch deeskalierend und wirtschaftlich angezeigt. Aber es ist zugleich ein riesiges Zugeständnis. Trump baut den Druck ab, bevor der zentrale Nuklearstreit gelöst ist. Das ist problematisch, wenn Teheran die kommenden 60 Tage nutzen sollte, um viel Öl zu verkaufen, Geld freizubekommen und am Ende doch nur kosmetische Nuklearzugeständnisse macht. Weil: Trumps Drohung, gegebenenfalls militärisch erneut gegen Iran vorzugehen, schenkt mit Blick auf die Kongresswahlen im November in Washington niemand mehr Glauben.
Die in Aussicht gestellte Freigabe von rund 25 Milliarden Dollar eingefrorener Mittel an Teheran ist de facto die Ankündigung einer Prämie für iranische Härte. Das Regime hat Hormus verstopft, den Ölmarkt erschüttert, Anrainerstaaten attackiert – und erhält nun Blockade-Ende, Öl-Einnahmen und Zugang zu Milliarden-Reserven. Für Teheran eine Triumph-Erzählung; ganz gleich, wie oft Trump betont: Geld nur gegen überprüfbare Schritte.
Raketen und Stellvertreter: Ein blinder Fleck
Noch dünner erscheint bei genauem Hinsehen der Teil über Irans Raketen und Stellvertreter-Milizen. Trumps ursprüngliche Linie verlangte, die „bösartige Einflussnahme“ Irans zu kontern, die Revolutionsgarden und ihre Verbündeten final zu schwächen, Hisbollah, Huthis und andere Netzwerke von Ressourcen endgültig abzuschneiden. Im Rahmenabkommen stehen diese Themen, wenn überhaupt, nur am Rand. „Trump friert einen Konflikt ein, den er zuvor als Kernproblem beschrieben hat“, monieren demokratische Senatoren.
Außerdem: Der US-Präsident begann diesen Krieg mit dem Versprechen an das iranische Volk, es könne sich von den religiös-fundamentalistischen Tyrannen der Mullahs befreien. Er sagte mehrfach, dass er nur eine „bedingungslose Kapitulation“ der Machthaber akzeptieren werde. Heute ist das Regime trotz dutzender Tötungen intakter und dank des gewachsenen Einflusses der Revolutionsgarden radikaler denn je. Die USA verhandeln nicht mit einem kollabierenden Gegner, sondern mit einer Gegenpartei auf Augenhöhe. Teheran darf sagen: Wir haben uns mit Erfolg gewehrt gegen den „großen Satan“. Das ist kein Sturz der Mullahs. Sondern ihre diplomatische Wieder-Anerkennung.
Ist Iran der Sieger in diesem Krieg?
Innenpolitische Konsequenz: „Die Repression gegen Andersdenkende wird weitergehen“, sagte ein Iran-Experte des Cato-Instituts dieser Zeitung. Außenpolitisch: „Das Regime in Teheran hat einem massiven Angriff der USA standgehalten, überlebt und dann verschiedenen Staaten am Golf Schaden zugefügt, als Strafe dafür, dass sie sich Trumps Krieg angeschlossen hatten“, schreibt Tom Nichols, lange Professor am „Naval War College“ und heute Autor.
Heißt das, Iran ist der eindeutige Sieger? Vielleicht in der Propaganda, in der Substanz noch nicht zwingend. Teheran hat wirtschaftlich, militärisch und politisch enorme Schäden erlitten. Der Wiederaufbau wird Jahre dauern. Aber: Iran muss vorerst nicht wirklich abrüsten, sondern nur verhandeln. Es muss sein angereichertes Uran nicht sofort außer Landes bringen oder bis zur Unschädlichkeit verdünnen, es muss nur darüber reden. Es muss seine Milizen nicht abkoppeln, sondern nur einen Waffenstillstand gestalten. Es muss sein Regime nicht wirklich öffnen oder demokratisieren, sondern nur die Eskalation stoppen. Aber es erhält im Gegenzug schon jetzt Aussicht auf Öl und viel Geld.
Noch mal Tom Nichols: „Der Krieg hinterlässt den Iran zwar angeschlagen, aber mächtiger und mit mehr Geld zur Verfügung, während er Amerika schwächer zurücklässt, mit aufgebrauchten wichtigen Waffenvorräten und mit Verbrauchern, die an der Zapfsäule den Preis für den Krieg zahlen.“



