Nato-Gipfel: Trumps Annäherung an Erdogan bringt Israel in Bedrängnis
Trumps Türkei-Kurs: Israel warnt vor F-35-Verkauf

Nach dem Nato-Gipfel in Ankara scheint für Recep Tayyip Erdogan festzustehen, dass die türkische Luftwaffe bald mit einem der modernsten Kampfjets aufgerüstet wird, die die USA herstellen. „Wir haben die Zusage für fünf F-35 erhalten“, sagte der türkische Präsident am Dienstag. „Ich weiß, dass sich Ihre Zusage in Zukunft positiv auswirken wird. Herr Trump steht zu seinem Wort.“

Außerdem soll die Trump-Regierung Ende Juni den US-Kongress über ihr Vorhaben informiert haben, der Türkei den Kauf von Triebwerken des Typs F110 von General Electric zu genehmigen. Ohne diese Motoren kann die Türkei ihr Prestigeprojekt, das Mehrzweckkampfflugzeug Kaan, nicht bauen.

Israels Albtraum: Luftüberlegenheit in Gefahr

Für einen engen Verbündeten der Vereinigten Staaten bewahrheitet sich damit ein Albtraumszenario: Israel befürchtet, seine Luftüberlegenheit in der Region zu verlieren.

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„Einem Regime, das von der Muslimbruderschaft unterwandert ist, [...] sollte man meiner Meinung nach weder F-35-Kampfflugzeuge noch Triebwerke für ihre Kampfflugzeuge liefern“, erklärte Israels Premierminister Benjamin Netanjahu am Montag im TV-Sender Fox News. Ein solcher Verkauf würde „das Machtgleichgewicht im Nahen Osten stören, das letztlich durch die israelische Luftüberlegenheit und durch Amerikas Haltung in der Region gewährleistet wird“.

2016 war Israel das erste Land außerhalb der USA, das den F-35 einsetzte, und ist bis heute das einzige im Nahen Osten. Das Modell F-35I des Rüstungskonzerns Lockheed Martin passte Israel gemeinsam mit den Amerikanern an die israelischen Anforderungen an: Flügelteile und Pilotenhelme fertigt der israelische Rüstungskonzern Elbit Systems mit. In Israel trägt der Jet den Namen „Adir“, Hebräisch für „mächtig“.

Derzeit verfügt Israel über 48 dieser Kampfjets, doch die Flotte wächst. Bereits 2023 bestellte das Verteidigungsministerium 25 weitere F-35, die ab 2028 geliefert werden sollen. Im Mai kündigte es eine weitere Staffel an – eine Lehre aus dem Irankrieg.

Tarnkappentechnik als entscheidender Vorteil

Der entscheidende Vorteil des Jets ist seine Tarnkappentechnik: Durch die Bauweise und eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 2000 km/h ist er auf Radarschirmen kaum zu erfassen. Das macht ihn ideal für geheime Aufklärungsmissionen oder Überraschungsangriffe, wie den auf den Iran am 28. Februar.

Diese Fähigkeiten besitzt im Nahen Osten bislang allein die israelische Luftwaffe. Trotz Opposition aus Israel und Griechenland könnte das bald auch für die Türkei gelten.

Dabei war die Türkei lange selbst am F-35-Programm beteiligt. Bis 2019 fungierte die Türkische Luft- und Raumfahrtindustrie TUSAŞ als Zweitlieferant für den Mittelrumpf des Jets. Im Rahmen einer 1,4-Milliarden-Dollar-Investition Ankaras sollten türkische Unternehmen mehr als tausend Komponenten produzieren.

Dann schloss die Trump-Regierung die Türkei wegen des Kaufs des russischen Luftabwehrsystems S-400 aus dem Programm aus. Die Begründung: Das System müsse über dasselbe Netzwerk wie der F-35 laufen und könnte Russland sensible Daten über den Jet liefern. Auch wenn die Türkei das S-400 nur einmal in einem Test einsetzte, blieb die Sorge unter Nato-Partnern jahrelang bestehen.

Sanktionen aufgehoben – Besuch abgesagt

Auf dem Gipfel in Ankara versicherte Trump nun: „Wir werden die Sanktionen aufheben.“ US-Verteidigungsminister Pete Hegseth wollte am Mittwoch nach Israel reisen, um die Bedenken zu besprechen, doch der Besuch wurde wegen der erneuten Eskalation im Iran abgesagt.

„Für Israel ist die Türkei eine geringere Bedrohung als der Iran“, sagt Gallia Lindenstrauss, Türkei-Expertin des israelischen Instituts für Nationale Sicherheitsstudien (INSS). „Sie bleibt dennoch eine Bedrohung.“

Der Ton zwischen Israel und der Türkei hat sich deutlich verschärft. Erdogan hat Israel mehrfach mit militärischem Eingreifen gedroht und bezeichnet die Hamas als „Freiheitskämpfer“. Im Juni erklärte Innenminister Mustafa Çiftçi, er hoffe, eines Tages Gouverneur von Jerusalem zu werden, so wie das Osmanische Reich die Stadt bis 1917 regiert hatte.

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Außenminister Hakan Fidan, Erdogans möglicher Nachfolger, nannte Israel vergangene Woche „eine Last, die die Menschheit nicht länger ertragen“ könne. „Nach dem 7. Oktober ist es für Israels Sicherheitskräfte schwer geworden, solche Bedrohungen nicht ernst zu nehmen“, sagt Lindenstrauss.

Militärische Konfrontation auf See möglich

Eine direkte militärische Konfrontation könnte sich etwa auf See abspielen. Auch wenn Israel den Luftraum dominiert, ist ihnen die türkische Marine deutlich überlegen. Die Türkei verfügt über die mächtigste Seeflotte in der Region, die bald mit sechs U-Booten verstärkt wird, die ohne Luftzufuhr tagelang unter Wasser bleiben können und damit kaum zu orten sind.

Gebaut in Kooperation mit Deutschland sollen sie bis 2027 einsatzbereit sein. Solche U-Boote könnten unentdeckt israelische Gasplattformen oder Unterseekabel bedrohen. Schiffe könnten Seerouten blockieren und Offshore-Anlagen angreifen. Dass die Türkei das bereits geübt hat, zeigte 2021 das Marinemanöver „Mavi Vatan“ (Blaue Heimat) in der Nähe israelischer und griechischer Energieanlagen.

Syrien: die nächste Konfliktzone

Der Streit könnte sich auch auf Syrien ausweiten. Nach dem Sturz Baschar al-Assads im Dezember 2024 rückte die Türkei im Norden des Landes vor. Israel hält Teile des Südens besetzt. Während die Türkei den Wiederaufbau des Landes fördert, steht Israel dem neuen Machthaber Ahmed al-Scharaa, einem früheren Al-Qaida-Kommandeur, misstrauisch gegenüber.

Der konkrete Streitpunkt ist nicht die türkische Präsenz an sich, sondern die Frage, wo Ankara seine Radaranlagen stationiert. Diese könnten israelische Luftaktivitäten erfassen und die Bewegungsfreiheit der israelischen Luftwaffe einschränken. Israel hat bereits Hunderte Angriffe auf syrische Militärziele geflogen, darunter Stützpunkte, die an die Türkei übergehen sollten. Eine direkte Konfrontation zwischen F-35-Jets beider Länder halten Experten dennoch in naher Zukunft für unwahrscheinlich, weil beide Geheimdienste im regelmäßigen Austausch stehen.

Konflikt weitet sich auf Horn von Afrika aus

Abseits Syriens weitet sich der Konflikt auch am Horn von Afrika aus. In Somalia baut die Türkei laut Medienberichten ein Testgelände für ballistische Langstreckenraketen. Israel hingegen erkennt seit Dezember 2025 die Unabhängigkeit Somalilands im Nordwesten Somalias an und sichert dem Land militärische Hilfe zu. Potenziell könnte Israel so Zugang zu Informationen über türkische Raketenkapazitäten erlangen.

„Während Israel als Störfaktor gilt, steht die Türkei plötzlich als stabilisierende Kraft da“, sagt Gallia Lindenstrauss.

„Die Bedrohungslage wird sich sobald nicht abkühlen – und das wird auch die nächste israelische Regierung in Bedrängnis bringen“, sagt Lindenstrauss. Israel wählt spätestens am 27. Oktober ein neues Parlament; Umfragen zufolge verliert Netanjahus Koalition die Mehrheit. „Eine Regierung, die weniger aggressiv agiert, hätte bessere Chancen auf eine Annäherung an die Türkei.“

Die aktuelle Regierung tue das Gegenteil. Am 28. Juni erkannte Israel den armenischen Völkermord offiziell an. Diese Entscheidung war jahrelang umstritten, weil sie nicht nur die Beziehung zur Türkei belastet, sondern auch die zu Aserbaidschan, von dem Israel rund die Hälfte seines Erdöls bezieht.

Die Türkei hingegen hat ihre Position geschickt genutzt. Im Irankrieg blieb sie außen vor und vermittelte anschließend neben Pakistan und Katar zwischen Washington und Teheran. „Während Israel als Störfaktor gilt, steht die Türkei plötzlich als stabilisierende Kraft im Nahen Osten da“, sagt Lindenstrauss. Die Annäherung zwischen Trump und Erdogan beim Nato-Gipfel habe gezeigt, dass sich diese Strategie für die Türkei ausgezahlt hat.