Kurz vor ihrem Abgang als oberste Koordinatorin der 18 US-Geheimdienste veröffentlichte Tulsi Gabbard Material zu angeblichen Bio-Laboren in der Ukraine, die vom US-Steuerzahler finanziert worden sein sollen. Sie behauptete, Beweise über diese Labore, in denen an gefährlichen Viren gearbeitet werde, seien der Öffentlichkeit „wissentlich vorenthalten“ worden. Kiew wies das scharf zurück: Die Zusammenarbeit mit den USA habe ausschließlich ziviler Biosicherheit, Labordiagnostik und öffentlicher Gesundheit gedient. Die Erzählung von angeblichen Biowaffenlaboren sei „nicht neu“ – Russland nutze sie seit Jahren als Propaganda.
Washington-Post-Recherche enthüllt Verbindungen zu spirituellem Meister
Nun legt die Washington Post eine Recherche vor, die Gabbards politische Biografie noch befremdlicher erscheinen lässt. Im Zentrum steht Chris Butler, Gründer der „Science of Identity Foundation“, einer religiösen Bewegung aus dem Umfeld des Hare-Krishna-Milieus. Butler wird von Anhängern als spiritueller Meister verehrt. Gabbards Familie ist seit Jahrzehnten mit diesem Umfeld verbunden. Auf die Frage, ob Butler sie politisch beraten habe, antwortete Gabbard 2019 kategorisch: „Nein, nein, überhaupt nicht.“
Memos und E-Mails belegen Einflussnahme
Die „Post“ zeichnet ein anderes Bild. Grundlage sind Memos, E-Mails und Gesprächsmitschriften, die eine frühere Anhängerin der Bewegung und zeitweilige Gabbard-Mitarbeiterin der Zeitung übergab. Die Dokumente legen nahe, dass Gabbard wiederholt politische Botschaften, Formulierungen und konkrete Handlungsvorgaben aus Butlers Umfeld empfing – und übernahm. Nicht immer ist klar, wer genau sprach. Klar ist aber: Die Nähe zwischen Vorgabe und späterem Handeln ist in mehreren Fällen frappierend.
So ging es in einem Memo von 2014 um ausländische Kämpfer des „Islamischen Staates“. Gabbard sollte dazu öffentlich Druck machen und ein Gesetz vorantreiben, das Staaten sanktioniert, deren Bürger sich dem IS angeschlossen hatten. In der Mitschrift heißt es barsch: „Leg am Morgen los.“ Und weiter: „Du musst in dieser Sache die Führung übernehmen.“ Am nächsten Tag veröffentlichte Gabbard eine Erklärung. Kurz darauf brachte sie tatsächlich einen entsprechenden Gesetzentwurf ein.
Vorformulierte Sätze für Fernsehauftritte
Zweites Beispiel: 2015 bereitete sich Gabbard auf einen CNN-Auftritt bei Wolf Blitzer vor. Thema war der Streit mit der demokratischen Parteiführung, die sie von einer Präsidentschaftsdebatte fernhalten wollte. In ihren schriftlichen Stichpunkten stand sinngemäß: Sie solle nicht wie jemand wirken, der gekränkt jammert: „Ach, ich darf nicht zur Party.“ Gabbard benutzte im Interview fast exakt diese Logik. Es gehe hier nicht darum, sagte sie, dass sie klage: „Ich verpasse die Party.“ Für Zuschauer war es ein spontaner Satz. Laut „Post“ war er praktisch vorformuliert.
Tweets aus dem Guru-Umfeld
Drittes Beispiel: In einer E-Mail zur Schlacht um Kobane, wo kurdische Kämpfer 2014 vom „Islamischen Staat“ belagert wurden, stand schon im Betreff die Anweisung: „Wichtig zu tun: Muss gegen 9 Uhr tweeten.“ Der Tweet war fertiggeschrieben. Er sollte auf ein Video über die bedrängten Kurden verweisen und anschließend an hochrangige Vertreter der Obama-Regierung adressiert werden. Eine Vertraute schrieb: „Jedes Wort der Tweet-Sprache ist genehmigt.“ Außerdem hieß es: „Er möchte, dass sie das Video sehen.“ Wer „er“ war, blieb unausgesprochen. Gabbard setzte den Tweet laut „Post“ wortgleich ab und meldete danach knapp zurück: „Tweet gesendet.“
Heikles Syrien-Memo und Reaktionen
Besonders heikel ist ein Syrien-Memo. Darin wurde Gabbard nahegelegt, die CIA für den Beginn des Syrien-Krieges verantwortlich zu machen. „Die CIA war es, die diese Sache begonnen hat“, hieß es. Jahre später äußerte Gabbard öffentlich eine ähnliche These. Für eine normale Abgeordnete wäre das schon bemerkenswert. Für eine Frau, die später CIA und andere Dienste koordinierte, ist es eine bemerkenswerte biografische Kuriosität. Gabbards Lager nennt die Recherche „falsch“ und ein „offenkundiges Beispiel anti-hinduistischer Bigotterie“. Die Washington Post behauptet nicht, Chris Butler habe ihr jede Abstimmung diktiert. Sie zeichnet auch kein simples Marionettenbild. Der Verdacht ist subtiler und politisch brisanter: Eine Spitzenpolitikerin, die Zugang zu den sensibelsten Geheimnissen der USA hatte, scheint über Jahre hinweg auffallend oft Impulse aus einem abgeschotteten religiös-politischen Schattenmilieu übernommen zu haben.



