Schwere Kulturverluste in der Ukraine nach russischen Angriffen
Russland hat nach ukrainischen Angaben allein auf Kyjiw etwa 600 Drohnen sowie Dutzende Raketen und Lenkwaffen abgefeuert. Mindestens fünf Menschen kamen ums Leben, rund 30 wurden teils schwer verletzt. In den frühen Morgenstunden geriet das Dach der legendären Uspenskyi-Kathedrale, auch bekannt als Mariae-Entschlafens-Kathedrale, in Brand. Erst um neun Uhr Ortszeit konnten die Flammen gelöscht werden.
Legendäres Höhlenkloster schwer beschädigt
Ukrainische Medien berichten von „schweren Schäden“ an den etwa 140 oberirdischen Bauten des berühmten Höhlenklosters, zu dem die Kathedrale gehört. Das Kloster steht seit 1990 auf der UNESCO-Welterbeliste. Die Weltkulturorganisation protestierte noch am gestrigen Mittag gegen den russischen Angriff auf das Welterbe und bot Hilfe bei den Rettungs- und Sicherungsarbeiten an.
Die Kyjiwer „Lawra“ – ein Ehrentitel der Orthodoxie, der dem Kloster 1833 verliehen wurde – gilt als eines der Zentren der orthodoxen Christenheit. Von hier aus begann im frühen Mittelalter die Missionierung der ostslawischen Völker. Die Kathedrale wurde 1073 im Auftrag des Großfürsten Sviatoslav II. von Kyjiw als Hauptkirche des Höhlenklosters errichtet und war der wichtigste Sakralbau des Reichs der Rus und Altrusslands.
Kosakenbarock und Zerstörung im Zweiten Weltkrieg
Im 18. Jahrhundert wurde die Kathedrale im prächtigen „Kosakenbarock“ umgestaltet. Nach der Eroberung der Ukraine durch die Bolschewisten 1919 verfiel sie und wurde Teil eines Anti-Religionsmuseums. Nach der Einnahme Kyjiws durch die deutsche Wehrmacht 1941 wurde der Bau gesprengt – ob durch deutsche oder sowjetische Truppen, ist umstritten. Sowohl Hitler als auch Stalin verfolgten die Strategie, kulturell bedeutende Bauten unterworfener Nationen zu zerstören, um ihnen Symbole der Eigenständigkeit zu nehmen.
Der Wiederaufbau der Uspenskyi-Kathedrale seit 1998 wandte sich genau gegen diese Zerstörungspolitik: Die Kathedrale gilt heute nicht nur als religiös und historisch hochbedeutend, sondern auch als Symbol einer dem Druck Russlands widerstehenden Ukraine.
Systematische Zerstörung kulturellen Erbes
Ob das Dach der Kathedrale durch einen direkten Treffer oder als „Kollateralschaden“ durch abstürzende Waffenteile in Brand gesetzt wurde, ist noch unklar. Allein die Gefährdung der Anlage durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine stellt einen Bruch des Völkerrechts dar. Die kalkulierte oder in Kauf genommene Zerstörung dieser Kathedrale passt in ein Schema der Kriegspolitik Wladimir Putins.
Bereits in Tschetschenien und Georgien griffen seine Truppen gezielt historische Stätten und Bauten an. Auch in der Ukraine werden seit Kriegsbeginn 2014 Kirchen, Dorfensembles, Stadtanlagen, Museen, Kulturpaläste, Klöster der unabhängigen Ukrainisch-Orthodoxen Kirche, Denkmäler, Bibliotheken und Archive systematisch angegriffen, geplündert und zerstört.
UNESCO: Über 500 Kulturstätten betroffen
Nach Angaben der UNESCO sind inzwischen mehr als 500 Kulturstätten von überregionaler Bedeutung betroffen. Die Ukraine listet über 900 auf, darunter mehr als 150 Kirchen. Beim gestrigen Angriff wurde neben dem Höhlenkloster auch das bedeutende Archiv des Ukrainischen Filminstituts getroffen: Mehr als drei Millionen Kostüme, Dekorationen und Archivalien verbrannten vermutlich. Erneut getroffen wurde das Nationale Kunstmuseum im Stadtzentrum, vor wenigen Tagen bereits die Nationalbibliothek, die Universitätsbibliothek und historische Bauten der Moderne in Charkiw.
Putins Strategie ist klar: Die Ukraine soll nicht nur militärisch besiegt werden, sondern auch alle Ankerpunkte nationalen Selbstbewusstseins verlieren.



