Ukraine hilft Bundeswehr: Kooperation bei Marschflugkörpern nach Tomahawk-Debakel
Ukraine hilft Bundeswehr: Raketen-Kooperation nach Tomahawk-Debakel

Nach dem Scheitern der Tomahawk-Lieferung durch die USA schließt die Bundeswehr ihre Lücken bei weitreichenden Raketen mit Hilfe ukrainischer Rüstungsfirmen. Deutsche Unternehmen wie Rheinmetall und Hensoldt suchen den Schulterschluss mit ukrainischen Herstellern, insbesondere dem Raketenhersteller Fire Point, der den Marschflugkörper „Flamingo“ mit einer Reichweite von rund 3000 Kilometern produziert.

Fire Point: Ukrainischer Raketenhersteller im Fokus

Das ukrainische Unternehmen Fire Point, gegründet von Denys Schtiljerman und Jehor Skalyha, stellt weitreichende Marschflugkörper her, die regelmäßig Ziele in Russland treffen. Vorstandsvorsitzende ist die 34-jährige Iryna Terekh. Auf der Pariser Rüstungsmesse Eurosatory zog Fire Point mit seinem Flamingo-Marschflugkörper große Aufmerksamkeit auf sich. Neu im Portfolio sind Flugabwehrraketen, die ähnlich wirkungsvoll sein sollen wie das Patriot-System.

Nachdem die US-Regierung Deutschland die Lieferung von Tomahawk-Marschflugkörpern mit einer Reichweite von bis zu 2500 Kilometern verweigert hat, steht die Bundeswehr bei Reichweiten über 500 Kilometern komplett blank da – ebenso wie bei ballistischen Raketen. In Deutschland gibt es derzeit kein Unternehmen, das günstige Marschflugkörper mit hoher Reichweite herstellen kann.

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Rheinmetall und Hensoldt: Deutsche Kooperationen

Rheinmetall-Chef Armin Papperger zeigte sich offen für Kooperationen: „Sie haben innerhalb kürzester Zeit starke Fähigkeiten im Raketenbereich aufgebaut. Wir sind seit Längerem in Gesprächen mit unterschiedlichen ukrainischen Rüstungsunternehmen“, sagte er dem Handelsblatt. Der Sensorspezialist Hensoldt hat bereits eine Kooperation mit Fire Point vereinbart und liefert das Radarsystem TRML-4D, das auch beim Iris-T-System von Diehl eingesetzt wird. Diehl verhandelt zudem über eine Produktion des Flamingo in Deutschland.

Der europäische Raketenspezialist MBDA hat auf der Eurosatory mit dem ukrainischen Unternehmen LUCH eine Absichtserklärung zur Weiterentwicklung des Neptune-Marschflugkörpers unterzeichnet. Bereits auf der ILA in Berlin hatte MBDA eine Kooperation bei „Deep Strikes“ mit Ukrainian Armor vereinbart, das unter anderem die Abschussrampen für Neptune baut.

Ukrainische Firmen mit Vermarktungsvorteil

Die ukrainischen Rüstungsunternehmen können die Effektivität ihrer Waffen gegen Ziele in Russland demonstrieren. Fire Point zeigte auf der Eurosatory Videos eines massiven Luftangriffs auf Öllager nahe Moskau, bei dem seine Waffensysteme zum Einsatz kamen. Ukrainische Verteidigungsminister Michael Fedorow präsentierte die Ergebnisse unter anderem Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius.

Serhiy Pashinskyi, Chef des ukrainischen Rüstungsverbands Naudi, betonte den beiderseitigen Nutzen: „Wenn wir den Taurus mit dem Flamingo vergleichen, dann ist das ein Unterschied wie zwischen Mercedes und Käfer. Aber der Käfer war ein wichtiger Schritt.“ Die Kooperation mit deutschen Firmen und der Bundesregierung sei wichtig, weil deutsches Geld und Technologie die ukrainische Industrie auf ein neues Niveau heben könnten. Die Preise für Fire-Point-Raketen liegen bei etwa 500.000 Dollar pro Stück, während Tomahawks rund zwei Millionen Dollar kosten.

Rheinmetall ändert Kurs

Die Kooperationsbereitschaft von Rheinmetall zeigt das Tempo der Entwicklung in der Ukraine. Vor drei Monaten hatte Papperger mit Aussagen über ukrainische Drohnen einen Shitstorm ausgelöst, als er sie als „Lego-Drohnen“ von Hausfrauen mit 3D-Druckern bezeichnete. Inzwischen kehrt Pragmatismus ein. Rheinmetall gründete ein Joint Venture mit dem niederländischen Raketenspezialisten Destinus, um einen Marschflugkörper mit über 2000 Kilometern Reichweite zu entwickeln. Schon Ende 2026 sollen in Unterlüß erste Raketen mit 500 Kilometern Reichweite entstehen, die zwischen 300.000 und 400.000 Euro pro Stück kosten.

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Erst wenn die Bundeswehr ein Grundarsenal aufgebaut hat, dürften teurere Systeme folgen. Parallel arbeitet das europäische Konsortium ELSA an gemeinsamen Marschflugkörpern, an dem Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Schweden und Großbritannien beteiligt sind. Wann die ersten Raketen aus ELSA kommen, ist unklar – Zweifel sind angebracht, da frühere Initiativen wie der Kampfjet FCAS nicht von Erfolg gekrönt waren. Die deutsch-ukrainischen Kooperationen könnten hier eine gute Alternative darstellen.