Tausende Demonstranten haben am Sonntag in Kyjiw die Entlassung von Armeechef Oleksandr Syrskyj gefordert. Kritiker bezeichnen den 59-Jährigen als »Schlächter« und werfen ihm vor, unnötig viele Soldaten in aussichtslose Kämpfe zu schicken. Die Proteste sind die bislang größten gegen die militärische Führung seit Beginn des russischen Angriffskriegs vor zweieinhalb Jahren.
Hintergrund der Unzufriedenheit
Syrskyj steht seit Juli 2024 an der Spitze der ukrainischen Streitkräfte. Zuvor hatte er als Kommandeur der Bodenstreitkräfte gedient und war maßgeblich an der Verteidigung von Kyjiw und der Gegenoffensive in der Region Charkiw beteiligt. Doch sein Führungsstil gilt als hart und kompromisslos. Kritiker werfen ihm vor, Soldaten als Kanonenfutter zu betrachten und Verluste in Kauf zu nehmen, ohne strategische Erfolge zu erzielen.
„Er opfert unsere Jungs für nichts“, sagte ein Demonstrant, der namentlich nicht genannt werden wollte. „Wir brauchen einen Befehlshaber, der das Leben seiner Soldaten schützt, nicht eines, der sie sinnlos verheizt.“ Die Stimmung in der Bevölkerung hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verschlechtert, da die Frontlinie unter Syrskyjs Führung immer weiter zurückweicht.
Militärische Lage und Verluste
Seit Syrskyjs Ernennung zum Oberbefehlshaber haben die ukrainischen Streitkräfte nach Angaben westlicher Geheimdienste rund 80.000 Soldaten verloren – getötet, verwundet oder vermisst. Die Zahl der gefallenen Soldaten liegt schätzungsweise bei über 30.000. Gleichzeitig konnte die Ukraine keine nennenswerten Gebietsgewinne verzeichnen. Im Osten des Landes rücken russische Truppen weiter vor, insbesondere in der Region Donezk.
„Syrskyj hat das Vertrauen der Truppe und der Nation verspielt“, sagte der Militärexperte Mykola Bielieskow vom Institut für Strategische Studien in Kyjiw. „Seine Taktik, Stellungen um jeden Preis zu halten, hat zu unnötig hohen Verlusten geführt, ohne die Front zu stabilisieren.“ Die Regierung in Kyjiw steht unter wachsendem Druck, Konsequenzen zu ziehen.
Politische Reaktionen
Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich bislang nicht zu den Protesten geäußert. Beobachter gehen jedoch davon aus, dass die Demonstrationen die politische Führung in Bedrängnis bringen. „Selenskyj muss sich entscheiden: Entweder er hält an Syrskyj fest und riskiert weitere Unruhen, oder er entlässt ihn und schwächt damit die militärische Führung in einer kritischen Phase“, sagte der Politologe Wolodymyr Fessenko.
In sozialen Netzwerken wird die Forderung nach Syrskyjs Ablösung breit diskutiert. Unter dem Hashtag #SyrskyjRaus sammeln sich tausende Kommentare. Auch einige Abgeordnete der Werchowna Rada haben sich der Kritik angeschlossen. „Die Armee braucht einen Befehlshaber, der die Realität an der Front kennt und nicht in der Sowjetzeit stecken geblieben ist“, schrieb die Abgeordnete Solomija Bobrowska auf Facebook.
Ausblick
Die Proteste in Kyjiw sind ein deutliches Zeichen der wachsenden Kriegsmüdigkeit in der ukrainischen Gesellschaft. Sollte Syrskyj im Amt bleiben, könnten die Demonstrationen weiter zunehmen. Eine Entlassung wiederum würde die militärische Führung vorerst schwächen, könnte aber das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung wiederherstellen. Die kommenden Tage werden zeigen, ob Selenskyj bereit ist, den Kurs zu ändern.



